Kopf hoch

der alte Mann sitzt
in der engen Stube
am Tisch 

Kopf hoch!
möchtest du rufen

draußen die schöne Welt
ist immer noch da
wenn auch versehrt

der alte Mann sitzt
am Tisch
mit gesenktem Kopf

er hebt den Kopf
und blickt auf   

im Fernseher
laufen Nachrichten

die Welt kommt zu ihm
sie ist noch da
wie immer versehrt


.

die alte Flöte

im Radio Neue Musik

die Finger zögern

.




 .

Tag der offenen Tür

der weiße Schäferhund schläft 

mitten im Eingang

.

Baden verboten

gesehen im Ver-LUST-Garten von Jeannette Frei 2016
Baden verboten
im Paradies


foggy day

the numb sky kissin'

the earth

balkon, 2. stock - herbst

ein schmetterling, der
schaut vorbei
(im zweiten stock)
hey du, sag ich, du
später schmetterling
komm doch und bleib
zum still vergnügten
zeitvertreib, wir zwei
das reicht für einen
winterbund, wir zwei
das reicht
wir wärmen uns
in kalter jahreszeit

dein mond

ich wär gern mond
an deinem himmel
jede nacht

du blicktest hoch
ohne zu blinzeln
und ich lächelte
dir zu

so nah wär das
zwischen uns
so entfernt

je nachdem



 .

Altweiberfäden

ihr schwarzes Haar wird grau

mitten im Sommer

.

herbstbild

die blätter am nussbaum
der rothaarigen nachbarin
färben sich gelb
von den rändern zur mitte
überzieht ein leises lächeln
ihr gesicht

der ahorn sprüht feurig orange und
der kleine unbekannte hinten im garten
hüllt sich in weinfarben

im beerenbusch streiten lauthals
die drosseln
giftrot

.

kalte Füße

unter ihrer Bettdecke

nur die alte Katze

.

 .

Zwetschgenkuchen

sie bindet eine Schleife

in Mutters Schürze

.

herbst

noch rasch die letzten blüten pflücken

wer weiß

ob noch welche wachsen

über kurz oder
lang

 .

Loch in der Wolkendecke

Herbstzeitlose strecken sich

lichtes Blau

.

bunt

das leben ist bunt
das treiben ist bunt
die menschen sind bunt
und bunt ist der hund

bunt ist auch der garten
wenn man ihn lässt
und bunt die kunst
ein farbiges fest

bei Renate Busse im Atelier-Garten in Schorndorf 


 .

schlechte Blutwerte -

Großvaters Standuhr

schlägt elf

.

guten abend, gut' nacht

der schlaf ist eine löchrige decke
durch die der wind eisig pfeift
die schafe am himmel wärmen dich nicht
der mond küsst dich kalt

wenn du glück hast weckt dich
lächelnd die morgensonne
du ziehst die decke ein letztes mal
bis unters kinn
streckst dich und
vergisst all die tiefen dunklen löcher die
sich nachts aufgetan haben
in deinem leben

verlöschen

 und wer sind Sie?

werde ich Dich fragen
und werde nicht mehr wissen
wer Ich bin

morgens um 5 - probephase

zeit zu verschwenden
fällt mir nicht leicht

noch in der probephase
entwerfe ich
mit frisch gespitztem stift
kaum leserlich
eine skizze
meiner neu gewonnenen zeit
entwerfe
den plan der pfade
durch meinen inneren garten



wenn ihr geht

kann ich nicht sagen wie sehr
ich euch vermisse
wenn ihr gegangen seid ist der himmel
grauer als vorher
und es ist stiller draußen nur
in mir weht's wehmütig

habicht - hab acht

 .

der große stille vogel

im kirschbaum

das gezeter der amseln

.

bald

.

in geschenkter zeit sich bewegen

wie in warmem wasser

wollüstig

.

frühlingstag

das verzweifelte surren der fliege
an der fensterscheibe

der feine duft von
sonnentrunkenen maiglöckchen

ein karierter faltenrock
streichelt verschrammte knie

die zeit steht still und lauscht

 

 .

sprechverbot

langsam ersticken die gedanken

im eignen sumpf

.

.

ich kleines licht 

im all

nur ein sandkorn

.

älter werden

was tun wenn
sehnsucht abgelöst wird
von erinnerung?

lässt sich das
reparieren flicken erneuern?

und falls ja, wie?
und falls nein:

sind erinnerungen so
nahrhaft dass wir
von ihnen überleben können?
 


 




alle vögel sind schon da

die beiden täubchen
sie sind wieder da
und auch herr meiserich
es fehlt nur carlos kleiber

im nussbaum nebenan
sonnt sich
ein ganzer schwarm
von drosselweibern

bald wird es sich
herr grünfink in der früh
gemütlich machen auf
dem fensterbrett

er ahnt nicht dass ich
mit gezognem dolch
ihn nur zu gern
ermorden täte

so sind sie alle
wieder hier
und die nicht hier sind
sind im wald

dort find ich sie
und freue mich
und hoffe
es wird nicht mehr kalt



 



verlorene zeit

unruhig irre ich umher
im labyrinth der verlorenen zeit

eine heldenhafte rose
wünsche ich mir als stütze

Paul Klee, Heldenhafte Rosen1938
Paul Klee, Heldenhafte Rosen 1938


 



hoffnung

ein lächeln hinter der maske
vorbeugend
der gruß ans neue jahr

wohl bekomm's

wer weiß schon
vielleicht wird alles gut

wieder


dezember

der dezember in mir
schwieg

unter all den flatternden
worten von weihnachten und
neuem jahr

wuchs in mir
kein wort

kein tröstliches wort
für mich und andere
keine begeisterung über das

alle jahre wieder

nur verhockte stille
keinem zumutbar
außer mir selbst