die stille der welt vor bach

die stille der welt vor bach*
gibt es nicht mehr

du hörst autos brummen von fern ein flugzeug
vor dir stimmen und hinter dir
das schnaufen eines fahrradfahrers
wenn du glück hast
hörst du nur den wind und
deine eigenen schritte auf kies
und sobald sie anhalten
nur deinen atem
bis ein hund bellt und
die stille auflöst
die eigentlich der teppich sein sollte
für ein kostbares vogelzwitschern
dort drüben im wald

(lars gustafsson: die stille der welt vor bach, gedichte)


 


traumtriebe

 was soll man aber auch damit anfangen

am nächtlichen himmel kreisen laut knatternd
hubschrauber und dann ist plötzlich taghell und man sieht
wie drei anzugmänner mit flatternden bunten krawatten
schwitzend einen starken antennenmast hochklettern
und das alles direkt vorm wohnzimmerfenster
im garten hinterm haus

was soll man aber auch damit anfangen

dann kommt ein letzter anzugträger
mit flatternder krawatte geklettert
und schaut frech mitten ins gesicht
und jagt einen schreck in die glieder weil
man sieht dass er sieht dass man ihn sieht
und man denkt der wird rüberkommen
der wird mich umbringen

aber der bringt niemanden um sondern
klettert weiter den mast hinauf
und man ruft rasch die polizei doch
die kommt nicht und vier verschwitzte businessmänner
mit roten köpfen und bunt gestreiften gelockerten krawatten
hängen oben im mast vier gestrandete
schwerverbrecher
ohne ausweg

was soll man aber auch damit anfangen
wenn man so etwas dämliches träumt

da sitzt er

da sitzt er und
freut sich
hält die trauben
übers tal oder
in den himmel und
du überlegst was
ist wichtiger
die trauben oder
der himmel oder
der blick übers tal
vermutlich
die trauben weil
er denkt schon an
den frisch gekelterten
neuen wein und
freut sich diebisch
aufs baldige
besoffensein

(Figur "Weingeist" von Karl-Ulrich Nuss
bei der Yburg, Kernen-Stetten
im Remstal)



 

mondvariationen

 

 
es ist nie 
derselbe alte mond 
genau
wie die sonne
wie die sterne
wie die wolken
nie dieselben sind
 
ein ewiges treiben
fremdbestimmt
 
es war nie
der gute alte mond
sein lächeln haben wir
ihm angedichtet 

 
es ist nur 
der mond
der über uns am himmel
thront