Zeit für mich

Zeit für mich / im Innenhof

gefangen / das Gurren
der Tauben
gestohlen / die Strahlen
der Sonne
erhört / das Selbstgespräch
des Beos

Zeit für mich / ein Mantel
aus jadegrüner Seide


Das Lächeln des Drachen

Worte verlöschen
vor den Lichterketten der großen Stadt

Worte versanden
im ausgetrockneten Flussbett

Worte irren
zwischen den tausend Pappeln

Worte stranden
an der tausendjährigen Mauer

Das rote Lächeln des Drachen
verliert sich
zwischen himmelhohen Häusern

China (2013)

China: ein Gewusel von Menschen, Lauten, Farben, Gerüchen. Ein ruhiger Moment ist ein grüner Stein, ist das Gesicht der alten Müllsammlerin, ist ein trockenes Flussbett, ist ein Vogelgezwitscher, ist der Wasserbüffel im Regen, ist die Dschunke auf dem Nebelfluss, ist die Skyline der Hochhäuser gegen den Abendhimmel. Ein ruhiger Augenblick ist kostbar.

Auf dem Nebelfluss (Jangtse) 







ich reise

Ich reise. In ein Land, dessen Sprache ich nicht verstehe, dessen Schrift ich nicht entziffern kann, dessen Geschichte mir fremd und dessen Gegenwart mir unverständlich ist. Seine Bewohner sehen anders aus, tragen aber das Herz am rechten Fleck, nämlich links. Der Himmel ist hier wie dort derselbe. Der Mond scheint hier und dort gleich. Die Sterne singen überall. Die Sonne steht morgens auf und geht abends unter. Alles ist anders ähnlich.

Ich wähle eine einfache Jacke, schlüpfe in offene Schuhe. Ich befeuchte den Zeigefinger und halte ihn in den Wind. Ich hänge die Fahne hinaus. Sie dreht sich gen Osten. Mein Kompass zeigt nördlich. Ich überfliege den Pol, wende mich dann nach Süden. Lande lächelnd in einem Land des Lächelns.

Bin dann eine Weile weg. Es wird still sein hier. Besucht mich wieder!

nur kurz

nur kurz / schau
draußen schon Dämmer / kurz
vorm Zubettgehn / müde
das Murren des Fliegers
in offner Balkontür / hell war
der Sommer / so schnell
vorbei / obwohl
ist doch erst / Frühling
erst Frühling

Ikarus

sich hoch erheben / schweben
weiße Pferde reiten / schwerelos
auf Himmelswellen / gleiten
unter der Sonne / trügerisch
und warm

stechend heiß?

Gestank / versengte Federn
ein Blick nach unten / fern die Erde
Gefühl von Ohnmacht / frei der Fall
und endlos / wildes Brausen
überall

Mauer-Blüten (Berlin 2013)

am Wegrand -
pflücken, was dir begegnet
roh verzehren
.

nie mehr Krieg -
der Star auf der Mauer singt
aus voller Brust
.

Zerfall in Raten
letzte Zeilen vor dem Abriss