nachtdichtung

wenn eine alleinschläferin
nachts wach liegt
und keinen beischläfer stört wenn
sie aufsteht
und bei kerzenlicht kritzelt
(vielleicht in der provence oder
im schottischen hochland -
nicht in vaihingen das
wäre zu banal)
dann entsteht dichtes das sich
zu einer dichtung verdichtet die
das gegenteil einer taghellen
lichtung ist

vielleicht kommt es sogar
zu einem gedicht

herbstlich

wenn die nacht wieder fällt
draußen
atmet es herbstlicht

und morgens die dämmrige kühle
der leeren straße
die langsam erwachende stille
geweckt vom
quietschenden auto des
zeitungsmanns
rasche schritte die
nicht mehr ganz taufrische
nachrichten liefern
frei haus

du denkst
dass es bald wieder lebkuchen
geben wird







Fahrradgeschichten

Gibt es eigentlich Schutzengel, die für Fahrräder zuständig sind? Die aufpassen, dass ein Rad nicht geklaut oder - noch schlimmer - verlassen wird? Ein Rad verlassen ist fast so schlimm wie ein Huhn aussetzen!  

Jeden Morgen fahre ich an einem Rad vorbei, dass schon den zweiten Herbst an einen Laternenmast gekettet, von Gott und der Welt verlassen, vor sich hin vegetiert. Jede Jahreszeit hinterlässt Spuren. Der Frühling den Blütenstaub, der Sommer die Wärme im Sattel, der Herbst braune Blätter im Korb, der Winter den Schnee auf den Blättern im Korb. Die Blätter vom letzten Herbst hat jemand aus dem Korb entfernt. Ich frage mich: wer? 
Bald werden neue Blätter im Korb liegen. Der Herbst ist nicht mehr weit. Dann wird wieder Schnee fallen – der bald Schnee von gestern sein wird. 
Irgendwie habe ich den Verdacht, dass das Rad in den letzten Wochen von einem Mast zum nächsten gewandert ist. Nur wie?  
Erstaunlich, dass es noch nicht demoliert ist. Demoliert - ein tolles Wort! Alles ist noch dran, nichts fehlt, nichts ist verbogen oder verbeult. Nur ein bisschen verheult und verrostet sieht es aus, das Rad, so ganz allein immer am selben Fleck. 

Und es gibt noch einen anderen Fall. An einem Laternenmast am Feuersee, ausgesetzt und angekettet seit Wochen. Den Besitzer habe ich sogar gesehen. Er besuchte jeden Morgen eine Obdachlose, die auf dem Grünstreifen zwischen Straße und See ihr Camp aufgeschlagen hatte. Morgens kroch sie aus dem Schlafsack, der Mann kam angeradelt, die beiden saßen am See, unterhielten sich, stritten sich, schauten auf den See. Ab und zu kam die Polizei vorbei. Jeden Tag das Gleiche.  Dann war plötzlich die Frau weg, das Camp weg, der Mann weg. Nur das Rad steht noch da, seit Wochen festgekettet, und kann nicht weg.

Und das sind nicht die einzigen Radgeschichten. Es gibt noch mehr!

Da war einmal ein Rad mit einem Betonblock auf dem Sattel. Warum?

Und es gab ein rädernes Brautpaar. Das habe ich fotografiert. Aber die Fotos und die Räder sind verschwunden. 

Und immer muss ich mir Geschichten ausdenken, Radgeschichte oder Radgeschichten. Weil ein verlassenes Rad mein Kopfkino automatisch in Gang setzt. 

Zum Schluss noch zwei, denen es richtig gut geht. Auch das gibt es!


 



.
im letzten aufbäumen
des sommers schnell noch
drei sonnenblumen gepflückt
.