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es muss mehr geben
als das
was dir vergönnt war
so jung
stirbt keiner
ohne happy end

(für Raphael)

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entscheidung

am anfang waren
du und ich

ich und du
wir beide teilten uns
einen apfel

du und ich wir
teilten uns ein leben
teilten uns eine wohnung
gaben uns ein wort

das wort zerfiel
obwohl es nur
aus einer silbe bestand
in zwei teile

wir kehrten dem paradies
den rücken
und gingen unsrer wege
jeder für sich

der Tisch des Herrn

auch ich habe
deinen Tisch verlassen
nach langer Zeit 
- so wie Mr. Cohen -
ich stelle meine Füße
nicht mehr unter deinen Tisch
kann nun tun und lassen
was ich will
ohne dich zu fragen
ohne dir Rechenschaft
abzulegen

aber wer weiß

vielleicht gibt es einen Vertrag
zwischen dir und mir
den nur du kennst
der mich in deiner Nähe hält
- es gibt Wunder sagt man -
vielleicht
bist du ich und
ich bin du und
wir sind eins und
wir können nicht ohne
einander

brüderlein, komm

assemblage: steffen hahn
brüderlein komm
tanz mit mir
meinen schuh den
reich ich dir
lass uns singen
tanzen springen
bis der schöne
schuh zerschellt
an der schnöden
kalten welt

Mutter hat gesagt

Mutter hat gesagt
wenn ich sie nicht richtig
mag

dann wickeln sich meine
Prinzessinnenhaare
um den kahlen Winterast
und ich baumle im eisigen Wind
bis meine Füße ganz blau
gefroren sind

da habe ich sie
einen scharfen Moment lang
fast gezielt
gehasst

(angeregt durch ein Schnipselgedicht von Herta Müller) 

assemblage: steffen hahn

Herbstzeitlosen


stolze Göttinnen
wachsen
in meinem Garten
herbstzeitlos
sind ihre Brüste
für immer jung
ihr wildes Haar
und ihre Küsse
bringen den Himmel
zum Erröten



plötzliche Begegnung mit dem Schnee von gestern


wie Schnee von gestern
schmelzen
verblichene Tapeten aus den Wänden
überfällt dich
der Geruch der alten Schule
die dich in Schönschrift
kaserniert hat
statt dich mit Fingerfarben
dichten zu lehren

gestern ist heute
bleibt dir für immer