Old man, look at your life

Eine neue Nachricht blinkt auf: „Was ist mit der Liebe?“

Ja, wenn ich das wüsste. Was ist mit ihr? Und, wer fragt mich das so früh am Morgen? Am besten wäre ich wohl doch im Bett geblieben. Aber, das Leben ruft!
Vorm Haus steht schon ein roter Übersee-Container mit der Aufschrift "Hamburg-Süd". Er gehört meinen Nachbarn, die heute nach Jamaika ziehen. Daneben tänzelt unruhig mein fuchsrotes Pferd. Es wartet auf mich. Ich soll aufspringen und losziehen gen Osten, in die aufgehende Sonne.
Stattdessen reite ich selbstvergessen auf meiner amerikanischen Holzveranda. In der einen Hand ein großes Glas, gefüllt mit kühlem Weißwein. Zwischen Daumen und Zeigefinger der anderen eine dicke Havanna, deren Weihrauch mir das Hirn vernebelt. Unter mir schaukelnde Kufen. Und, es kommt noch besser: Nebenan mäht gerade Johnny Depp den Rasen. So früh am Tag! Sieh einer an!
Er  mäht mit der Sense. Schwingt sie in regelmäßig fließendem Rhythmus. Die Sichel singt eine feine Morgenmelodie durchs hohe Gras. Die Muskeln seines linken Oberarms spielen mit einem schwarzen Tattoo.

Als mein Weißwein schal wird und von meiner Havanna nur noch ein Stümpchen übrig ist, verlasse ich den sicheren Hafen meiner Veranda und gehe zu ihm hinüber. Auf seiner Stirn glitzert ein feiner Schweißfilm. Er schaut auf und nimmt höflich die Sonnenbrille ab.
Diese schamanischen Augen! Ihr Blick scheint aus einer anderen Welt zu kommen. Sie kennen meine Frage schon, bevor ich sie gestellt habe und singen mir die Antwort:

„Old man, look at your live!“

Zutiefst irritiert mache ich mich auf den Rückweg. Ich blicke an mir hinab und stelle fest, dass ich tatsächlich alt und ein Mann bin. Meine dünnen, sichelförmigen Beine stecken in schlabbrigen Hosen. Mein Brustkorb ist eingefallen. Und als ich mit knotigen Fingern tastend über den Kopf fahre, fühle ich die letzten Halme meiner früheren Haarpracht.

Seufzend führe ich die Tasse Kaffee, die plötzlich auf dem Tisch steht, an die Lippen. Da blinkt mir wieder die fatale Frage vom Bildschirm meines Laptops entgegen. Ich raffe meinen ganzen Mut zusammen. Ich bin ein alter Mann, mir kann nichts mehr passieren. Ich werde die Nachricht öffnen und nachsehen, was es mit der Liebe auf sich hat. Im schlimmsten Fall verbirgt sich ein Viagra-Angebot dahinter. 

Mein Finger klickt,  und ich bin am Ziel.
Etwas Schönes blitzt auf. In allen Farben des Regenbogens. Ich ahne etwas,  etwas sehr Wichtiges.  Ein Déjà-vu, für den Bruchteil einer Sekunde. Alles löst sich, wird klar wie das Wasser eines Bergbachs ...

Wird zu einem schwarzen Loch, das gierig alles einsaugt. 

Verstört blicke ich um mich. Schemenhaft nehme ich erst die Gegenstände im Raum wahr, dann mich selbst. Ich sitze im zerrauften Bett, verschwitzte Laken um mich gewickelt. Neben mir schläft tief der Mann, den ich schon lange liebe. Draußen fährt die Straßenbahn polternd vorbei, ein paar Betrunkene grölen in der Ferne und krachend fällt eine Mülltonne um.

Willkommen im wilden Osten.

Kommentare:

Deepseadiver hat gesagt…

Adventinträume...

herbst.zeitlosen hat gesagt…

... eher schlechter Glühwein und fetttriefender Langosch, gewürzt mit gospelnden Weihnachtshauern und dem schrägen Klang italienischer Kirchenglocken ... ein Gemisch, unbeschreibbar ... °:)§<