*

im Abendrot
auf dem Dachfirst sitzen
und der Welt zunicken

*

an die Kinder

meine Hände
die euch hielten
meine Hände
die das Morgen
formten
meine Hände
sind leer

sie flattern
zwei weiße Tauben
gefangen in einem Strahl
von Licht

angelehnt an Hilde Domin: 

Tauben im Regen

Meine Füße die viel gegangen sind,
meine Füße zwei Tauben
die jede Nacht
das Nest deiner Hände suchten,  
meine Kinderfüße.

Die du weggewiesen hast,
sie sitzen im Regen
vor deiner Tür,
aneinander geschmiegt, 
zwei Tauben im Regen,

meine Kinderfüße. 

geliebtes land

ich mache mich
auf
dir nach
hin zu dir
immer wieder
aufs neue
mache ich mich
auf den weg
hin
zu dir

Frost

zwei Pferde
einander zugewandt
atmend

fein sein
beinander bleiben
flüsterst du ihnen 
ins Ohr

in der Ferne
grau verpixelt
das Ungewisse

du kehrst ihm
den Rücken zu
und gehst


foto: www.picturepilot.de



schwan spontan

was schwäne fühlen
kannst du’s mir sagen?
im regen auf dem see
was schwäne wohl fühlen?
mir täte das weh
das wetter der himmel
so grau ist der see
so trist ist das schwanen
im regen auf dem see

foto: www.picturepilot.de

Engelchen flieg


unsere Liebe lernt laufen -
wir nehmen sie an den Händen
und lassen sie fliegen


Mutters Hände

vom vielen Schnipseln
zerschnitten braun rau
vom Waschen vom Schrubben

nicht tauglich
fürs Theater fürs Konzert
man muss sich ja schämen
vor diesen Glücklichen
mit ihren weichen
weichlichen Händen
vor diesen Modernen die
schon eine Küchenmaschine
aus der Werbung
ihr eigen nennen
eine Küchenmaschine die
man gar nicht will -
eigentlich
ist einem der eigenen Hände Arbeit
am liebsten

wenn sie nur nicht so
verschafft aussähen
diese Hände
wenn man nur nicht
so müde wäre

kalter Frieden

Am Himmel ein graues Wolkentuch. Das bisschen Schnee auf den Dächern taut sich geschmeidig.
Wie sich die Elster wohl fühlt, wenn sie bei dieser Kälte unter grauem Himmel auf der Antenne sitzt, windverweht? Das fragt keiner. Wie sich die Flüchtlinge wohl fühlen, wenn sie durch die graue deutsche Kälte ins leuchtende Einkaufsparadies stapfen?

Möchte niemals Flüchtling werden …

Sehe sie oft am späten Nachmittag, Männer, Frauen, Kinder begleitet von einer täglich wechselnden deutschen Kontaktperson, gestern ein älterer Herr im Lodenmantel mit Hut. Bei Regen, bei Schnee.
Deutschland, gelobtes Land, im November.

Kalter Frieden.

foto: jeannette frei

kleiner Berberteppich

sonnengewebt
auf sandigem Grund

bunt wie der Blütenschleier
der im Frühling die Wüste bedeckt

farbig gefasstes Leben
auf kargem Boden

Raureif - 9. November

foto: jim martin

im Namen des Todes

Tod

Wie war dein Name
in Auschwitz?

Kehraus
Kammerdiener
verheerender Zyklon
Tor ohne Wiederkehr
nackter Wahnsinn
Supernova
weißer Handschuh
gnädiger Mengele
Frosthauch
Väterchen Freiheit
Gevatter Pein
schwarzer Engel
großer Erlöser

foto: www.picturepilot.de

Guter Tag

Es war ein guter Tag
Auf kleiner Ebene
konnten wir uns treffen

Der Aufzug
der nach oben
hätte führen können
fiel leider aus
Die Treppen waren
nicht begehbar

Trotzdem
Es war ein guter Tag
Wir küssten uns zur Nacht

die vier Jahreszeiten

Frühling -
am Nippel der Natur

Sommer -
atemlos in Asphaltschluchten

Herbst -
Selbsterfüllung der Apfelträume

Winter -
alter Sack mit Frostbeulen

Mutter sagte

Mutter sagte:

was du nicht willst
das man dir tu
das füg auch
keinem andern zu

und ich meine:

gönn einem andern
was du dir selbst
nie gönnen würdest

.

sandwish -
der wind verweht
die wünsche

.

herbstsam

der raue wind
bläst blätter rund

ein sonnenstrahl
fällt fahl
und auf einmal

fühlst du dich
seltsam bunt

ein herbstlied
auf dem mund und
kalt die hand

wird alt
dein jahr
wird grau
dein haar
wird rau
die haut
die einmal
samten war

und du
du pfeifst
im dunkeln

Heimat

Heimat leicht geschminkt
provinz ist da, wo´s nur von oben auszuhalten ist. (Konstantin Ames)
  
Heimat  ist da, wo einem das Herz aufgeht. (ich)

Man muss Heimat haben, um sie nicht nötig zu haben.(Jean Amery)






Vor Kurzem hat jemand zu mir gesagt, dass er einen bestimmten Ort liebe, weil das seine Heimat sei. Menschen, die meine Heimat sagen können, meinen oft ein Dorf, einen Winkel, mit Heimat ist doch immer das gemeint, ein Ort des Anfangs, eine Parzelle, allzu groß darf es nicht sein.(Yasmina Reza aus der Erzählung "Nirgendwo")

Heimat ist das, was man nicht mehr hat. Heimat ist Kindheit, und später, wenn man sich aus den Gegenden und Häusern der Kindheit entfernt hat, dann hat man die Heimat im Kopf, in der Seele - oder wo man es lieber haben will. (Martin Walser) 

OrtHeimat
HerzHeimat
WortHeimat

spätberufen

sie begann erst spät
zu schreiben
sie ließ sich Zeit
bis die Zeit fast um war
dann hatte sie keine mehr
zu verlieren

vorher wäre es
nicht möglich gewesen
vor ihr lag ein Meer

Zeit die sie lähmte

der Gang übers Wasser
gelang erst
ganz zum Schluss


am Ende

in Traumgeflecht verfangen
den Schrott der Jahre
Wochen Tage
räumen
(und kein Ende)
in dunklen Zweifeln
träumen das Geisterherz
bedrängt
von Kostbarkeiten die
dir einst gehörten

und am Ende


 

abends (manche tage sind so)

wir haben uns / erduldet
aus Gewohnheit / uns ertragen
der Tag und ich / wir waren wie
ein müdes altes Paar

ein Tuch der Stille / hielt
uns zusammen / zerriss in
tausend Fetzen / als wir uns
fragten / warum

uns Rot so fremd / uns
Grün verblasst und alleWolken
grau / sich fallen ließen
in diese Straßen / warum

die Stunden / plötzlich gähnten
ein ganzes Meer von Zeit / uns
plagte  / warum wir
uns das fragten

.

papier ist geduldig -
rasende worte kommen allmählich
zum stillstand

.

herbstlich

unruhigwolken
auf ewigblauem  grund

wollsocken mit loch
fröstelnd

den vorletzten cigarillo
in rauch auflösen

fast bereit

Radsalat

mein tägliches "Brot" ...  :)



taganbruch

die scharfen schatten
der nacht
ritzen die haut
deiner träume

du gürtest ein lichtband

wälzt dich im staub
der sonne
wirfst dich dem tag
zum fraß vor


wenn du gehst - Momentaufnahme

du wartest am Bahnsteig
deine Bahn fährt ein
du drückst den Knopf
die Tür öffnet sich
du blickst dich um
lächelst / flüchtig
winkst
du
steigst ein
mit entschlossenem Schritt
die Tür schließt sich
hinter dir / dröhnend
verschwindet die Bahn
in der Röhre

dein Blick
ein still
verwehtes Blatt

Baugrube oder: Zahn der Zeit

bis vor kurzem
stand da ein kleines Haus
[50er Jahre, Wiederaufbau]

jetzt klafft da eine Baugrube
die mich an das Loch
erinnert,  das mein Zahn
[50er Jahre, Aufbau]
hinterlassen hat, als er
kürzlich gezogen wurde

demnächst bekomme ich
einen neuen Zahn
und die Grube bekommt
ein neues Haus
[2015, Neuanfang?]

Harmonie

Erschöpfung lügt Harmonie
las ich irgendwo bei Günter Grass

es ging dabei um ein Paar
zwei Menschen
die schon lange
in eingefahrenen Bahnen
nebeneinander her
liefen
auf parallelen Gleisen
die dennoch 
weit draußen am Horizont
zusammentrafen in einem Punkt
sich zumindest innig berührten

nur optische Täuschung?

Deftig

Ach, wie du …

Ach, wie du wieder ...

Ach, wie du wieder
ausschaust!

zum Knutschen
zum Anbeißen
zum Vernaschen

Brombär du!
Saubär du!

Wo ist die Leiter
zum Raufklettern?
Wer hockt schon alles
droben im Himmel?

Liebesbrief

Hello my love,
your bike
has been
fixed ...

Ausflug ins Morgenland

auf der Endlosschleife
des eintönigen Gesangs
der alten Bettlerin
treibe ich durchs Dämmer
des Kirchenraums

bin im Morgenland ...

zurück im Westen
lege ich fünfzig Cent
für die Bettlerbande
in den Becher-to-go
 und
packe auf dem Heimweg
über die Einkaufsmeile
fünf junge Gaukler
in meinen bunten Beutel

kann mich nicht trennen ...

zu Hause
im Garten werden sie
nur für mich
auf dem Seil tanzend
ihre Possen treiben
während ich
gemütlich
einen Zigarillo rauche



Stoßgebet

wir werfen die Sorgen
auf dich

sei gewarnt!

sie sind nicht weich
sondern hart wie
Stein

brich uns nur
nicht zusammen
unter dieser Last

was könnten wir
mit einem gesteinigten
Gott anfangen

unser aufrechter Gang
wäre sinnlos



Wirf deine Sorge auf den Herrn, er hält dich aufrecht (Psalm 55,23)

Dämmerung

Mauersegler
fallen ein
ins Zwischenreich

Jagdgeschrei
über den Dächern
die blasse Sichel

Wird er lächeln
heut Nacht?

Leben

Das kleine Leben
dreht sich versonnen
im Kreis

Es kommen die Bilder

Ein Kindergesicht
mit kalten Augen
über einer Kalaschnikow

Ein Frauengesicht
von Säure verstümmelt

Ein Bettelkind
mit rissigen Lippen
in praller Sonne
an den Rollstuhl gefesselt

Ein gezielter Tritt
in den Unterleib

Dem kleinen Leben
wird schwindelig

Es muss sich  setzen
und die große weite Welt
auskotzen

Lochlust

jetzt wo ich
aufhöre die Löcher
in meinem Leben
zu stopfen

bin ich ruhig

ich liebäugle nicht mehr
mit einem neuen Leben
ohne Flicken

ich trage lustvoll
Löcher
das ist modern

drei Dreier


falling asleep -
die Träume aus dem Sack
lassen

.

geteiltes Leid -
vielleicht wachsen wir
wieder zusammen

.

see you -
im nächsten Leben
bin ich ein Leuchtturm




Anflug von Sommer

ein erster Anflug von
Sommerabend
nicht ganz gelungen
besser als nichts

nachdem alles
geregelt ist
auf den Balkon wo
mindestens sechs
Hummeln im Lavendel
grasen -
brummelnde Schafe
auf Altweiberweide

und später
die obligatorische
fette grüne Mücke die
drinnen
immer wieder und wieder
gegen die Scheibe anrennt
unbeirrbar
in ihrem Irrtum
gefangen
Freiheit längst verkackt

umsonst und draußen
nur für die Fledermaus

das große Seufzen


ich verfasse die Stille
setze Zeichen wie Zäune
ich stutze die Sätze
und pflücke die welken
Worte damit sie nicht
fallen
und möchte doch wilde
Silben treiben

im Halbschlaf
träume ich unsere Körper
eng
deine Lippen auf meinen
und nie ein Ende
und wache auf
verstört
mit trockenem Mund

ich weiß
alles ist zu viel
verlangt
von einem reichen Leben

Waldeslust

der Wald ist nie
still
immer schwatzt
ein Vogel noch einer noch
eine Mücke ein Frosch
darauf reimt sich
die Gosch
der Wald
nie hält er den Mund
immer rauschen
der Bach die Bäume
die Libelle bellt
kaum hörbar
der Hund
und kuckuck!
patsch aufs Säckel
damit's Geld
immer hält

Jazz Hall

auf der Bühne -
das Schlagzeugsolo treibt
wilde Blüten

Tanz im Hinterzimmer -
verblichene Musiker
zwinkern uns zu

Swingtime -
der Rauch deiner Zigarette
weckt tanzende Schemen

Sag mir

Sag mir, wie kannst du
mich lieben?

Manchmal bin ich ein Ungeheuer
Ich raube Nester aus
zerdrücke den zarten Vogel
den ich in meiner Tasche hüte
mit roher Hand

Manchmal sehne ich mich
ganz einfach
nach Land am Horizont
Ich stürze mich kopflos ins Nichts
um nirgends anzukommen

Die rechten Maschen
fallen mir von der Nadel
Ich lasse sie liegen
und stricke weiter
im linken Muster

Mein Lächeln
friert

Sag, wann werde ich
mich lieben können?

morning news

 .
morning news -
red highheels
waiting
.

Bild:  Jeannette Frei

zeit in aspik

tagbrocken endlos
an zerflossnen stunden
lang die minuten
spurlos die sekunden
in zähe sülze eingebunden
bewegungslos erstarrt
und schwer verdaulich
     [kindheitsspeise]
in öl und essig treibend
salzlos
nicht als gut empfunden

dagegen fein
gewürzte langeweile
mit kümmel frischem pfeffer
fröhlich ungebunden
zergeht dir auf der zunge
liegt dir sanft im magen
stößt dir nicht auf
und wird für gut
befunden


.
die Rache der Wanderhure
melonely / wieder daheim
auf dem Sprung
.

am Ende

die alte Fichte fühlt
dass ihre Zeit zu Ende geht
sie rauscht
stäubt gelb ihr Testament
aufs Fensterbrett
und brütet die schönsten Zapfen
ihres Lebens

das Urteil steht
felsenfest
im Herbst wird sie
den Kopf verlieren

same as ...

Schattig draußen heute. Genauer gesagt: endlich Regen. 
Die Platanen deutlich grüner als gestern. Die Türkin
mit dem Einkaufswagen schippert am Feuersee entlang.
Same as every day.
Ausnahmsweise festes Schuhwerk.
Rot!
Restliches Outfit: augenberuhigend, immergleich,
same as every day, every month, every year the same.
Kopftuch, langer Mantel,  Leibesumfang mit den Monden zunehmend.
Rund. Runder. Kugelrund.
Verstohlener  Blick in den Papierkorb.
Nichts.
Der Beutezug hat begonnen. Der Tag ist noch lang.
Mit erstaunlich flinkem Griff eine Papiertüte aus dem Wagen
gezückt und große Brocken trocknen Brotes großzügig
verteilt an den See.
Brot satt für den See! Friss und stirb!
Der See regungslos, immergrün veralgt.  Kein Kommentar.
Keine  Ente in Sicht. Nur Ludwig,der einsame Schwan,
der nicht weiß, dass er einen Namen trägt.
Same as every day.
Same as ...

das Reisen

Reisen beginnt einen Schritt
vor der Tür
geradeaus, rechts oder links
ist egal
du kommst immer vorbei
am großen Garten
der im Frühling entsteht
und im Herbst vergeht

finde darin die schwarze Tulpe
deiner Kindheit
und staune

Labyrinth


der Gefühle maßloses Mehr / tastend
halte dich / stets rechts
im Labyrinth / Ausgang ungewiss

der Versuch

ich versuche mich wieder
im Leben
es regnet Bindfäden

und der Reiher am See
bleibt einfach sitzen
als ich vorbeigehe
das Wasser scheint
spurlos an ihm abzugleiten

nur das Rauschen des Regens und
das Keuchen der Jogger
die die Welt im Sturm erobern
was bleibt
sind Spuren im Schlamm

an diesem Regentag
versuche ich mich wieder
im Leben
.

Wortgeländer -
wir halten uns daran fest
wie Ertrinkende
.

Blockade

zu dumm
dass du nicht schreiben kannst
wenn gerade nichts anderes
zu tun ist

du trittst den inneren Schweinehund
bis er jault
es ändert nichts
die lange Weile, die kurz ist
will partout jetzt nicht
deine Muse sein

sie hockt am Nebentisch
und schäkert mit 'nem anderen

irgendwann später
käm sie bei dir vorbei
sagt sie

aber da gibt es ganz sicher
anderes für dich zu tun
als schreiben

blödsinn

manchmal hab ich
nur blödsinn im sinn

und manchmal macht
der blödsinn sinn

manchmal ist alles
nur blödsinnig sinnlos

noname

ein unwetter
weiblich
braut sich zusammen

du stehst im regen
weißt nicht einmal
warum

Feindberührung

Feindberührung
auf dem Touchscreen
schnell ein falscher Bruderkuss
auf seidige Wangen
und rasch weiter
bevor Wärme abstrahlt
von den Fingerkuppen

wenn nichts mehr ist

wenn nichts mehr ist
zwischen uns
ist nichts mehr

[da hilft nur abwarten
und tee trinken]

bis wieder was ist
zwischen uns

[weil du mich magst
weil ich dich mag]

unser Gedicht

ich werde ein Gedicht schreiben

es wird über uns sein
keine Angst!
sind wir nicht alle?

Fremder

so fremd deine Stimme
heute Morgen
sag wo bist du gewesen?

ich lag hier
hab in deinem Atem gebadet
wie ich es liebe

während du …?
so rau deine Stimme
heute Morgen

was hast du erlebt
heute Nacht
ohne mich?

nimm mich mit
in den Tag

einmal im leben sterntaler sein

da blühn viel tausendschön
die märzenbecher

und kleine wasser murmeln
zärtlich übers moos

da breitet sich der habicht
unterm schäfchenhimmel

stürzt gierig in des frühlings
weichen schoß

da stürzen meine ängste mit
und fallen

das ist der tiefste sturz
[von allen]

ich breite meine schürze
...







letzte Wallfahrt


matt gleißendes Gold

Marias Augen
verhangen mit dem Stoff
aus dem die Träume sind
in ihren Armen das Kind
ausgesetzt

schöner Verein
sag ich zu den tausendschön
glitzernden Rosenkränzen
und zünde eine Kerze an

schöner Verein
leb wohl

mein Herz

Du siehst ein Herz
in meiner linken Ohrmuschel
Wie es wohl dahin
kommt?
Ich trag es doch
auf dem rechten Fleck
Horch!

Liebe u. a.

müde bin ich
geh zur Ruh
schließe meine Tür
nicht zu

Liebster
lass die Augen dein
über meinem Bette
sein

lass sie schweifen
lass sie lüfteln
lass sie streicheln
lass sie tüfteln

Liebster
in dem schönsten Traum
träum ich dich
du glaubst es kaum

wenn ich morgens
dann erwach
heißa dann ist
??? Frühlingstach!!!

Friede mit dir

Friede mit dir

wenn einer sagt: lass nur …
wenn du nicht mehr müssen musst
wenn du ins Schweben kommst
dich selbst auf Händen trägst
dir nicht entgleitest

Friede mit dir
bevor du wieder landest
auf dem Boden der Tatsachen



augengespräch



unter vier augen -
tieftauchen ohne leine
point of no return


kommunikation

und wenn ich nicht weiter weiß dann frag ich dich oder
du antwortest mir ungefragt weil nämlich in deinem kopf
das selbe irrlichtert wie in meinem das selbe oder das gleiche
in deinem kopf und meiner weiß nichts davon bis
du mir antwortest ungefragt


blöde Königs

Der blöde König und die blöde Königin
Sind anders drauf als die drögen Königs
In der Frauenzeitschrift
Beim Friseur

Die beiden Blöden albern herum
Brüderchen und Schwesterchen
Sind unköniglich bis in die Kronenspitzen
Hüpfen tanzen jagen sich
Lachen bis der Leuchter wackelt

Ein feines Spiel
Ein feines Leben
Eben

(meinen Kindern gewidmet)

nachdenken über das schreiben (nur lesen)

nicht schreiben ist keine alternative
(nicht schreiben kann nicht die alternative sein)
leben ohne schreiben
nur reden
ohne worte viel sagen
vielsagend
. . . . .
wieviel?
und dann?
SCHWEIGEN?
schreiblebendig bleiben
(springlebendig?)
schreiblustig  schreibfreudig
(auch wenn es gerade ernst ist)
was fällt dir ein?
sonst noch
NUR  LESEN!

der Gaul

im Nacken
hockt ein ganzes Leben
auf deinen Schultern
macht es sich breit
gibt dir die Sporen

manchmal
fühlst du dich wie dein eigener
Gaul

Lustmord

warte nur ein Weilchen
dann komm ich mit dem Beilchen
und köpfe alle Veilchen


Die Sau in der Kirche

Die Sau in der Kirche
Was macht sie dort bloß
Die Sau ist so klein
Die Kirche so groß

Die Sau mag die Kirche
Dort fühlt sie sich fein
Muss nicht mehr die große
Die starke Sau sein

Foto: Jeannette Frei

Gewöllezeit

Reste graupelzig / im Schnee
Urinmarker / Pfoten spuren
schnurgerade / unterm Ruf des Habichts
das Keuchen / des Läufers
heißer Atem 

gelobtes Land

angekommen im neuen Land
gelobt?
[ich weiß nicht]
fremd anders als

alte Quellen versiegen
der Regen bringt
neues Nass

angekommen im neuen Land
mehr und mehr
geliebt


in memoriam

heute Morgen, auf dem Feld
kamst du mir entgegen
an der Seite einer mir
unbekannten Frau
die Ähnlichkeit löste sich auf
als du näher kamst
das warst nicht du
es war nur einer, der dir
glich von fern

eben sah ich dich
an deinem offenen Grab stehen
dein Sarg stieg langsam hoch
schwebte vor blauem Himmel
du blicktest ihm nach
freundlich interessiert
die Sonne blitzte
in deinen Brillengläsern

in meinem Kopf
sind Bilder von dir
die ich so nie gesehen habe
und nie so erwartet hätte
immer scheint darauf die Sonne
du bewegst dich durchs Zimmer
hinter dir das große Fenster
mit Blick aufs winterliche Feld
du bist tapsig
wie ein alter Bär
Großvater wie aus
dem Gesicht geschnitten

ich klebe imaginäre Bilder
in mein Album der Erinnerung
Familienaufstellung

leises Knacken -
das Puppenhaus kommentiert
unser Spiel

fremd

Du
stell dir vor
dich trifft ein Blick
ohne Vorwarnung sich
schwer wie ein Findling
auf deine Brust legend
dir wortlos bedeutend
du bist fremd hier
fremd allein du
gehörst nicht
hierher

Du
zögernd
überrumpelt
begreifst diesen Blick
[gib acht - schütze dich selbst !]
du verbindest ihm die Augen
drehst ihn um die eigene Achse
zählst dabei bis zehn
lässt ihn losstolpern
blind zurück dahin
wo er herkam
genau da
hin

und
überlässt ihn
sich selbst

+ + +

fünf seelen ach
wohnen in meiner brust

[zwei wären klassisch und zu wenig]

vielleicht auch sieben
sieben bedeutet mehr
als fünf
wörtlich genommen
und im übertragenen
sinn
sind meine sieben sinne
noch beinander

[gottseisgedankt]

+ + +

alt(modisch) + vergesslich

da fiel mir etwas ein
dann hab ich's gleich verloren
was kann’s gewesen sein?

war's wichtig
wird’s wohl kommen
zu mir ein ander' Mal und dann
so hoff ich bleiben
bis endlich ich's gefangen
in meinem dicken Schal und
aufgewärmt und durchgedacht
vielleicht verstrickt
vielleicht vollbracht
so dass ich's kann vergessen
getrost
ein zweites Mal

monochrom

monochrom in weiß

ein skifahrer der
vom schneetreiben
verschluckt wird

monochrom in schwarz

der teufel
der blindlings nach dir
greift

monochrom in rot

er liebt mich
er liebt mich nicht

ihr seid unsre kinder

ihr seid unsre kinder

wir sind stolz

wir haben euch erzogen
zu menschen
in zeiten des friedens

wir sind froh

dass ihr
noch keinen krieg
am eigenen leib
erleben musstet

wir sind hilflos

wir können
euch nicht bewahren
vor der gewalt
die an unseren ufern
strandet

wir haben nichts gelernt

aufgewachsen in zeiten
des friedens
haben wir kein handwerkszeug
keine ahnung keinen plan
für den umgang
mit roher gewalt
mit drohendem chaos
mit sinnloser zerstörung

verzeiht uns
dass wir nur schwache
menschen sind

januar

das gängige ist eis
glatt
[hüte dich]
gleite
ins neue

verwirrung
wird
sichelklar

vollrund
in der vollendung

schau vorwärts
nur
[hüte dich / behüte dich]

neujahr

neujahr:
neuschnee oder schnee von gestern?
rosarote vorsätze gepinnt
an eine jungfräuliche weißwand

das ungewisse:
realistische optimisten sehen es ganz klar
pessimistische realisten müssen öfters
ihre brillen putzen und
pessimistische besserwisser wienern
ihre dunklen augengläser
bis sie brandgefährlich blitzen
und das ungewisse
feuer fängt

ps:
[die billigbrillen von
aldi oder lidl oder netto
tuns auch zu diesem zweck]