Großvater und ich - Und links das Meer

Wir waren auf dem Weg vom Dorf zum Friedhof. Da sahen wir plötzlich das Meer. Es lag da, einfach so, zu unsrer Linken, da, wo sonst das Tal war.

Wie kam das Meer hierher? Wir dachten nicht lange darüber nach. Wir freuten uns. Und ich sagte zu Großvater: „Komm wir gehen ans Meer!“

Und schon bogen wir ab, kletterten die Böschung hinunter Richtung Strand. Es war schwieriger, als ich es mir vorgestellt hatte. Wir mussten die Hände zu Hilfe nehmen.  Über  unebenen, bröckeligen Boden ging es steil hinab. Überall waren heimtückische Löcher. Wir kämpften uns voran, die Sonne stach unbarmherzig auf uns nieder. Und wenn wir mit zusammengekniffenen Augen hoch blickten, kam es uns vor, als ob das Meer immer weiter in die Ferne rückte statt näher zu kommen.

Irgendwann blieben wir erschöpft und schnaufend stehen. Der Schweiß rann uns in Bächen über Stirn und Rücken. Großvater konnte nicht mehr, und ich wollte nicht mehr. Wir fielen stöhnend ins Gras. Großvater rollte die Hemdsärmel hoch, öffnete den Kragen seines gestreiften Hemds und holte seine Feldflasche heraus, und wir teilten uns sein letztes Wasser. Das Wasser war lauwarm und schmeckte leicht metallisch.

Er hat immer seine alte, verbeulte Feldflasche dabei, wenn er mit mir spazieren geht. Sie stammt noch aus seiner Zeit als Soldat. „Sei froh, dass du den Krieg nicht erlebt hast“, sagt er manchmal, und seine Augen werden dunkel und verschließen sich. Er schaut in sich hinein. Dort drin bewahrt er die Schätze auf, die nur er selbst sehen darf. Dort, tief aus seinem Innern kramt er auch seine Geschichten für mich hervor. Ich weiß nicht, ob er sie wirklich erlebt hat, oder ob er sie extra für mich erfindet. Ist mir auch egal.

Er räuspert sich. Das tut er stets, bevor er loslegt mit einer Geschichte. Ich warte und streichle mit der Handfläche übers Gras, so lange, bis meine Hand zuckt, weil sie das Kitzeln der Halme nicht mehr erträgt. Das Meer liegt ruhig und dunkelblau in der gleißenden Mittagssonne. An manchen Stellen schimmert es golden, an anderen sind kleine weiße Kronen auf den Wellen zu sehen. Ganz leise hören wir es rauschen. Es ist so weit entfernt, so weit.

Großvater  hat eine Kopfverletzung aus dem Krieg mitgebracht. Links an seiner Stirn ist ihm ein Granatsplitter in den Schädel gefahren. An dieser Stelle sieht man eine kleine weißliche Narbe, und manchmal hat er deswegen Kopfschmerzen.
Ich fahre jetzt mit der Spitze meines Zeigefingers ganz vorsichtig über die Unebenheit und massiere die Haut ein bisschen. Er schließt genüsslich die Augen, räuspert sich noch einmal, seufzt tief und fängt endlich an zu erzählen:

„Damals traute ich meinen Augen kaum. Aber ich wusste sofort, dass es das Meer war, obwohl ich es noch nie gesehen hatte. Nur das Meer konnte so unendlich blau daliegen, so glitzernd weit und fern. 

Es war noch vor dem Krieg. Deine Großmutter und ich, wir waren frisch verliebt und  gingen Hand in Hand spazieren auf dem Weg vom Friedhof zum Dorf. Da lag es plötzlich, das Meer. Und ich sagte:  Komm, lass uns ans Meer gehen.

Wir hätten uns nie träumen lassen, dass wir jemals das Meer sehen würden!

Es war wie heute. Mühsam. Wir mussten klettern. Und irgendwann saßen wir da und konnten nicht mehr weiter. Deine Großmutter trug ihr weißes Sonntagskleid und ihre neuen Schuhe, extra für mich. Sie hat geweint, weil ihr Kleid beschmutzt und ihre Schuhe voller Erdklumpen waren. Weißt du, sie hat nur selten ein schönes Kleid und neue Schuhe bekommen. Es war etwas Besonderes.

Es tat mir Leid, dass ich sie zu dieser mühsamen Tour verführt hatte. Ich konnte sie nicht weinen sehen. Ich hab ihr die Tränen getrocknet mit meinem weißen Schnupftuch, das noch ganz frisch gebügelt war, und hab sie in die Arme genommen. Wir waren verliebt. Alles war noch frisch und neu, selbst mein Schnupftuch.

Komm, lass uns fliegen, hab ich zu ihr gesagt.

Da sind wir geflogen. Sie und ich, wir sind ans Meer geflogen. Das konnten wir,  jung und verliebt wie wir waren. Wahrscheinlich kann sie sich heute nicht mehr daran erinnern. Aber ich weiß es noch. Es war genau so ein schöner Nachmittag wie heute. Die Sonne schien, und das Wasser glitzerte im Licht. Es blendete uns fast. Und es lag ganz still. 

Wir waren die einzigen am Strand. Wir saßen im warmen Sand und hielten uns im Arm. Es kam mir vor wie eine kleine Ewigkeit. Wir lauschten dem Rauschen der Wellen.  Und irgendwann, als es kühler wurde, flogen wir zurück, Arm in Arm.
Weißt du, es war wie auf den Bildern dieses Malers. Ich hab seinen Namen leider vergessen. Da schweben auch die Liebespaare am Himmel. 

Nach dem Krieg hat sie mich dann geheiratet.
Wir sind nie mehr zusammen geflogen. Es waren harte Zeiten.“

Er seufzt und wischt sich die Stirn mit seinem karierten Schnupftuch, das nicht mehr ganz frisch ist.

Wir sitzen noch ein Weilchen und ruhen uns aus. Das Meer glitzert im Sonnenlicht. 

Kommentare:

Deepseadiver hat gesagt…

Bei manchen Geschichten ist es ganz egal, ob sie erlebt oder erfunden sind.

Zum Beispiel, wenn sie das Herz berühren.
So wie diese jetzt.

Ich danke dir - für den ersten schönen Moment an diesem Tag...

...und wünsche dir noch viel mehr Meer ;)

herbst.zeitlosen hat gesagt…

Danke! Es war ein wunderbarer Herbsttag heute, mit oder ohne Meer.

veredit hat gesagt…

Ich bin sehr froh heute Abend, dass ich Deine wunderbare Geschichte gefunden habe.

Ja, das kann sie wirklich, die Herzen berühren und viele liebevolle Bilder wecken ... bei mir unter anderem an meinen eigenen, schon lange verstorbenen aber sehr von mir geliebten Großvater ...

Du hast mir heute damit ein wirkliches Geschenk gegeben, danke.

herbst.zeitlosen hat gesagt…

das freut mich sehr! Meine Schatzkiste hat noch mehr solcher Großvater-Geschichten, deren Quelle die Männer meiner Familie sind. Ich scheue nur etwas davor zurück, längere Geschichten auf den Blog zu stellen, weil ich selbst nicht gerne längere Texte auf dem Bildschirm lese. Mal sehn! Grüße

haiku-art hat gesagt…

... ich mag diese Geschichte sehr.

Danke dafür.

Ramona

HANS-PETER ZÜRCHER hat gesagt…

Ich mag diese Deine Geschichten. Sie lassen einem in die Welt der Kinheit zurückschweben.

Auch ich habe sehr viel schönes mit meinem Grossvater erleben dürfen und all das in Erzählungen aufgeschrieben und festgehalten.

Die Kinheit ist die wichtigste Phase im Leben eines Menschen. Eine reine undbefleckte Seele reift heran und soll behutsam auf das Leben vorbereitet werden. Und genau das verstand mein geliebter Grossvater wunderbar. Er führte mich ein in die Welt des Seins, in die Natur. Er lehrte mich hin zu hören, hin zu schauen, aufzunehmen, zeigte mir all die wunder der Natur und des Lebens...

In meiner HP habe solche Grossvater-Geschichten veröffentlicht. Sie werden auch bald, nach Überarbeitung, Einzug in meinem Blog "Kurzgschichten" erscheinen...

Liebe Grüsse Dir und vielen Dank für diese Erzählungen

Hans-Peter