heute Morgen

heute Morgen
trägt die Welt ihr Perlenkollier
alles glitzert

die Büsche
die Autodächer
die vertrockneten Blätter
auf dem Boden
der Asphalt

ich fühle mich leicht
und erkläre der Welt
meine Liebe

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guter vorsatz

vielleicht lohnt es sich doch
weiter zu schreiben
immerhin
gibt es manchmal einen kleinen
funken
und die finger werden warm
ganz ohne handschuh
bis ins herz


(ich danke Jim Jarmusch für seinen Film "Paterson")

Traumfänger

auf meinem Kissen liegt
ein Haar von dir
es wacht über meinen Schlaf

das Wasser steht mir schon
bis zum Hals
im Traum
ist dein Haar
mein rettender Strohhalm

*

Weihnachten findet dieses Jahr
ohne mich statt
keiner merkt es
obwohl ich immer wieder
betone
dass Weihnachten dieses Jahr
für mich ausfällt
hört es keiner wirklich

vielleicht bin ich nächstes Jahr
wieder dabei
oder übernächstes
vielleicht fällt es dann
keinem auf
dass ich weg war
und keiner merkt
dass ich wieder dabei bin

*

es muss mehr geben
als das
was dir vergönnt war
so jung
stirbt keiner
ohne happy end

(für Raphael)

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entscheidung

am anfang waren
du und ich

ich und du
wir beide teilten uns
einen apfel

du und ich wir
teilten uns ein leben
teilten uns eine wohnung
gaben uns ein wort

das wort zerfiel
obwohl es nur
aus einer silbe bestand
in zwei teile

wir kehrten dem paradies
den rücken
und gingen unsrer wege
jeder für sich

der Tisch des Herrn

auch ich habe
deinen Tisch verlassen
nach langer Zeit 
- so wie Mr. Cohen -
ich stelle meine Füße
nicht mehr unter deinen Tisch
kann nun tun und lassen
was ich will
ohne dich zu fragen
ohne dir Rechenschaft
abzulegen

aber wer weiß

vielleicht gibt es einen Vertrag
zwischen dir und mir
den nur du kennst
der mich in deiner Nähe hält
- es gibt Wunder sagt man -
vielleicht
bist du ich und
ich bin du und
wir sind eins und
wir können nicht ohne
einander

brüderlein, komm

assemblage: steffen hahn
brüderlein komm
tanz mit mir
meinen schuh den
reich ich dir
lass uns singen
tanzen springen
bis der schöne
schuh zerschellt
an der schnöden
kalten welt

Mutter hat gesagt

Mutter hat gesagt
wenn ich sie nicht richtig
mag

dann wickeln sich meine
Prinzessinnenhaare
um den kahlen Winterast
und ich baumle im eisigen Wind
bis meine Füße ganz blau
gefroren sind

da habe ich sie
einen scharfen Moment lang
fast gezielt
gehasst

(angeregt durch ein Schnipselgedicht von Herta Müller) 

assemblage: steffen hahn

Herbstzeitlosen


stolze Göttinnen
wachsen
in meinem Garten
herbstzeitlos
sind ihre Brüste
für immer jung
ihr wildes Haar
und ihre Küsse
bringen den Himmel
zum Erröten



plötzliche Begegnung mit dem Schnee von gestern


wie Schnee von gestern
schmelzen
verblichene Tapeten aus den Wänden
überfällt dich
der Geruch der alten Schule
die dich in Schönschrift
kaserniert hat
statt dich mit Fingerfarben
dichten zu lehren

gestern ist heute
bleibt dir für immer






berlin, das ist ...

udo lindenberg hat "cello"
nur für dich allein auf dem
behindertenklo von kaufland gesungen
es war viel platz und alles
sah ziemlich sauber
und grundverlässlich aus

dann das getöse des grauens ...

der flieger zum greifen nah
am himmel über tegel
pack ihn bezwing ihn
sei sisyphos und trag ihn
die paar lächerlichen kilometer
bis zum landeplatz

damit es ruhe gibt ...

du beneidest die nebelkrähe
die unbeeindruckt mitten auf dem gehweg
pickt was das zeug hält
sie ist berlinerin durch und durch
icke och icke och kräht sie
und eilt dem flieger nach

endlich (nicht nur) du im schoß der u-bahn ...

an gefühlt jeder zweiten station
steigt ein wohnsitzloser alexander zu
und bittet um eine einzige münze und
es bezeichnet den grad deiner erschöpfung
ob du in deine tasche greifst oder nur
wortlos in dich versinkst

allein das "ave maria" des
volltönenden bariton zwischen
botanischem garten und wannsee
richtet dich wieder auf
zu voller größe
du fühlst dich  g a n z

BERLIN ...

kleine herbstsonate

keinort nirgendwohin
littlewing bumblebee bumerang
brummdumm

Mutterkuchen


Sonntag 15:07 -
der noch warme Kuchen schmeckt
nach Kindheit

 .

familiensonntag

familiensonntag -
per whatsapp marmorkuchen
und nutellataschen ausgetauscht

rotes Käppchen


Käppchen rot und
Augen himmelblau
voll mit Kurzgeschichten
vom weit offenen Leben

holt der Wolf dich
hat ein samtnes Maul
will das Käppchen nicht
dem Jäger geben

deine Mutter
waidwund in den Augen
muss dich suchen 
muss den Jäger bitten

und der Kuchen
samt dem Weidenkörbchen
wird vom nächsten besten
Hund beritten

gib nur acht sonst
holen ihn die Raben
Raben wollen haben haben
haben










Alleen im Herbst


verlassene Nester
weiße graue schwarze
Federn die
aus Kronen schweben
ins fein gesponnene
Altweiberhaar
alleine kannst du sein

im Herbst

der Zug der flüggen Vögel
nimmt nur dein Auge mit
dein Fuß bleibt da
verwurzelt
zwischen gestern morgen
greifst du nach heute
mit manchmal müder Hand 






streit

wem gilt
der aufgebrachte herzschlag

dir, mir?

ich weiß so wenig
über dich und mich

die aufgebrachten worte
gelten dir
das herz schlägt mich

liebe deinSchicksal

liebe dein Schicksal
du bist seine Herausforderung
der Rahmen für sein Spiel
ohne Grenzen

ich suche mein Feld



Was kommt wann …
Wer kommt dann …
Wie kommt was …

Mein schwarzes Feld Trauer
Mein weißes Feld Freude
Mein rotes Feld Herzblut
Mein goldnes Feld Hoffnung


Was kommt dann?
 
Abbildung mit freundlicher Genehmigung von Romuald Grondé



Kreislauf

so müssen sich
deine Eltern gefühlt haben
damals
als du gegangen bist

was dann folgte war
der Besuch zwei Mal im Jahr
zwischendurch
kurzes update per Telefon

fremd werdende Leben
ins Abstrakte abgleitend
nur noch skizziert
mit schneller Hand

da hilft kein wortreiches
Schönreden
du fühlst dich ganz einfach
genau so wie deine Eltern

damals

.

Brücken bauen
damit nicht alles den Bach
hinunter gehen muss
.

es kommt auf mich zu


immer wieder an einer schwelle

stolpern, tasten, verharren
selten ein fließen
wie flüssiges gold

schön
wäre schöpfen
ohne furcht

vor dem danach

Abbildung mit freundlicher Genehmigung von Romuald Grondé

morgens um 7

Er geht als Kerl.
Nimmt nur sein Buch
vom Gepäckträger des Fahrrads
und verschwindet die Treppe hinunter
zur S-Bahn.

"Als Kerl gehen" heißt bei mir: ohne Tasche unterwegs sein

Heiratskandidaten


Aus irgendeinem Grund geht es nicht voran mit der Hochzeit. Die beiden stehen schon seit Wochen fein gekleidet im Fahrradunterstand an der S-Bahn, fest aneinandergekettet.

open end eines sommertags

am rain
die dunkelrote walderdbeere
an moosgrün
unter schweren beerenbrüsten
ein krötenkadaver
geplättet vom leben
träumt von glitzernd
schleimigen pfaden
ins nirwana


weltbild



drei kleine schwarze panther
drei kleine schwarze panther kratzen
drei kleine schwarze panther kratzen  an deinem weltbild
bis es in drei kleine weiße spinnen zerfällt
drei kleine weiße spinnen
drei kleine weiße spinnen krabbeln
drei kleine weiße spinnen krabbeln dir übers gesicht
beißen dich in die nase
kitzeln dich an den ohren
hängen sich an deine wimpern
verspinnen dir den blick
bis du nicht mehr weißt wo rechts
und wo links ist

links klopft das herz
rechts baumelt der orden für tapferkeit im leben
die seele kannst du nicht orten

und bei den kleinen fluchten
hängt sich dein blick auf
am GASKESSEL im tal


In Stuttgart gibt es einen großen Gaskessel, der nicht zu übersehen ist, wenn man auf  die Hügel im Osten steigt und über die Stadt blickt. 

im selben boot

zwei legen los / zusammen
in einem boot / ihr herz
baumelt  / leicht verstaubt
an einem rostigen draht

es ist so groß / es liegt so bloß!
und wenn es fällt?

kann man vom eigenen herzen
erschlagen werden?
fragen sie sich

Assemblage: Steffen Hahn




und immer wieder ...

steigt der mOnd auf die leiter
damit die hunde ihn anheulen -
sonst würde ihm etwas fehlen


am Küchentisch - Vater und ich

ein Glas Most und eine Zigarette
Gedankenpfützen und Löcher
in der Luft

in ihm der Krieg
vorbei nicht vergessen
bei mir der Frieden
ständig bedroht

Zukunft passiert
mit oder ohne uns

*

dritter tag allein -
ich schalte auf standby
in den sehnsuchtsmodus

wie geht es dir?

es geht mir gut
im Rahmen meiner Möglichkeiten
bin ich zufrieden

erobertes Neuland
ist zusammen geschnurrt
auf das Maß meiner Dinge

noch geöffnete Türen
schlagen ab und zu im Wind
bis ich sie leise zuziehe

damit ich mich nicht störe
in meinem zerbrechlichen
Zufrieden

S-Bahn-Station

Sonntag vorbei Montag Morgen
reibt sich die müden Augen

die junge Nacht hat mal wieder
aufs Leben gekotzt
und keiner wischt hinter ihr auf

Mutti fährt mit dem Auto
zur Arbeit die sieht es nicht

Gott-sei-Dank und Vati weiß noch
genau wie es früher war ja ja

Alterssex

morgens
unterm Gurren der Tauben
dein leises Lächeln
auf einen Lichtstreif gebettet
deine sanften Finger die
ihren Weg finden
ohne Ziel

Teufelskraut

im Verlustgarten bei Jeannette Frei

Baden verboten

im Verlustgarten bei Jeannette Frei

im Verlustgarten
lebt es sich lustig
weil ein Ende
abzusehen
ist

das war schon
immer so
früher wie heut

die ungeborenen Worte

Scheherezade hat
Geschichten erzählt
in tausendundeiner Nacht
hat sie Worte geboren
aus der Not
um ihren Kopf zu retten

   ***

und ich frage mich
wo meine Worte bleiben
die nicht geschrieben werden
wovor sie Angst haben
was sie zerreißt

und ich frage mich
ob sie überhaupt sind
und das Wort sein kommt mir
seltsam vor so als ob
es gar nicht existierte





Schwein sein

im Verlustgarten bei Jeannette Frei


das Innere - Schwein wartet
auf seinen Auftritt

der Himmel fällt

der Himmel fällt
immer öfter
zu oft
fällt der Himmel

und ich schaue zu

im Verlustgarten von Jeannette Frei

im Verlustgarten

im Verlustgarten von Jeannette Frei

Tuch (bemalt, bedruckt): Jeannette Frei

glaube versetzt

und wieder ist
einer gestorben
der glaubte
ewig zu leben
und berge versetzen
sei leicht


Hand in Hand
mit dem Bedürfnis
Gedichte zu lesen
kommt die Lust
selbst zu schreiben

frei nach Hans Magnus Enzensberger:
Hand in Hand mit dem Bedürfnis, Gedichte zu verfassen, vergeht nämlich die Abscheu davor, sie zu lesen.

das Verschwinden der Worte

das Verschwinden der Worte
lässt mich nicht kalt

ich erinnere mich
an die Zeit als
sie nicht schnell genug
schlüpfen konnten

geflügelte Wesen
noch feucht

mir entschlüpft
dachte ich manchmal
und versuchte sie
so gut es ging
zu fassen

jetzt treibe ich sie
wie müde alte Schafe

der windige Wind

der Wind fällt ein

und ich, ja ich
lass mich schütteln
vom windigen Wind
und  versuch die  blaue Stunde
ganz leicht zu rütteln
damit sie nicht
gerinnt

wo kommt er nur her
dieser WindWindWind


andere kämpfen auch mit dem Wind
windige Füchse

mothers finest

muttertag vorbei -
die roten tulpen hängen ab
für ein nickerchen
.
mothers finest
the red tulips are taking
a power nap

was denkst du gerade?

schade dass ich
massive Brillenunlust
nicht zeichnerisch ausdrücken kann

in Worte die vor den Augen
verschwimmen
ist sie schwer zu fassen

die blaue Blume der Romantik

die blaue Blume
steht am Wegrain
[i. e. der Seitenstreifen einer
vielbefahrenen Autobahn]
und wartet auf deinen
Einsatz

du wagst es
hältst an greifst zu aber
einmal gepflückt
lässt sie den Kopf hängen

wilde Blumen soll man
nicht pflücken
[das hast du jetzt gelernt]
bleibt dir nur
sie im Poesiealbum
deiner Kindheit
zu pressen

[schad drum]

kleine Bildergeschichte

das kleine rote Landauto war endlich in der großen Stadt
es stürzte sich ins Nachtleben bis in die Früh

auf dem Heimweg kam ihm der Morgenzug entgegen
der auf dem Weg in die Stadt war

sie winkten sich zu




das Geschenk

dieser kostbare Moment
der plötzlich zu Zeit gerinnt
(die eigentlich gar nicht vorhanden ist)

unverhofft beschienen
von einem Sonnenstrahl
(der eigentlich gar nicht da sein dürfte)
an diesem regnerischen Frühlingstag

Konzentration
die sich ausbreitet
wie Milch in schwarzem Kaffee

Kinderlied

ach wär ich
ein Wölkchen
mitten auf Blau
luftig gehoben
vom Wind geschoben
und doch frei

ach wär ich
ein Lämmchen
allein unter vielen
vom Schäfer geherzt
vom Hund getrieben
und doch frei

ach wär ich
das Kind
auf Sommerwiesen
mit bloßen Füßen
tanzte ich mich
frei

das Leben auf die Reihe bringen

vor der Doppelhaushälfte -
all ihre Träume landen
in der grünen Tonne

Einfamilienhaus -
hinterm Gartenzaun lauert
Jenseits von Eden

Vater Mutter Kind -
die Reihenfolge zählt

Blues

ich griff nach den Wolken
bis der Himmel fiel
damit hatte ich nicht gerechnet
ich wollte ihn nur berühren

nun hab ich den Himmel auf Erden
und weiß nichts mit ihm anzufangen
die Sonne hat sich eine andere Bühne gesucht
der Mond ist nicht mehr aufgegangen

ich liege wolkenweich gebettet
und über mir Nichts
nach dem ich mich strecken
in das ich träumen könnte

an den Bruder

du bist gegangen
warst ja der Ältere
der Große
dem ich nachlief
nacheiferte

zu deiner Musik hab ich getanzt
deine Bücher wurden meine
deine Abgründe waren zu tief für mich
ich [konnte] wollte dir nicht folgen

nun sitze ich am Tisch
in der Frühlingssonne
und stopfe deine Strümpfe
mit meinem Garn
ein später Liebesdienst
[an dir] für einen andern
der sie jetzt trägt

die Uhr hat deine Zeit vertickt
meine läuft hinterher
die ewige kleine Schwester

Geschwätz

wir schwätzen
einen Kokon um das Unsagbare
ersticken die Raupe
bevor sie uns entschlüpfen kann

sie klappert tot im Gehäuse
und unsre Worte entpuppen sich
als dünner Zwirn zweiter Wahl
bevor sie reißen 

Passion

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Tischgebet

Herr

gib uns nicht
den allzu süßen
Honig //
lass uns zufrieden sein
mit Butter auf dem
täglich Brot



kennst du das?

drinnen
draußen sein

also
außen vor sein

da sein
randständig

mauerblümchen

Ahnung

deine Gegenwart bändigt
die Sehnsucht / doch ich ahne
wie sehr ich dich
missen werde

am Ende

steh ich auf der Schwelle
und blicke dir nach

schon jetzt

Verkehrserziehung

einer will gewinnen ...
Vorsicht!
... oder das Schicksal schlägt zu






Herzbrot

ich kaufe einen frischen
Laib Brot
drücke ihn mit der Linken
gegen meinen Bauch
[auf die alte Kittelschürze
der Mutter
direkt unterhalb vom Herzen]
ich nehme das große Brotmesser
in die Rechte
und schneide eine dicke Scheibe
duftenden Brotes
ich bestreiche sie mit Butter
für dich
mein Schatz
für dich

*leise flüstert ein Mund
duftet das Brot
im Herzen *


* aus: Stiller Februartag von Alois Vogel

februar

kein sinn
für lyrik alles
glanzlos

einheitsgrau
die bleierne
himmelsdecke

ohne flügel
  
ikarus
kam niemals
der sonne nah

die wolken
fesselten ihn
und rangen ihn
zu boden



das zebra

tagträumend
abends
einem zebra begegnen
[das muss schön sein]

im schwindenden licht
steht es mitten
auf einer belebten kreuzung
sanft gestreift
traumverloren

lässt es seine braunen Augen
auf dir ruhen
unbeirrt

und du überquerst
die straßen
in seinem wimpernschlag
einfach so

kleine Bildergeschichte


Die Reisenden

sind angekommen am Meer

Fische fliegen vorbei - grußlos

der Meeresboden ist frisch gefliest


Fotos: e. h.