Winter in der Stadt

es hätte nicht schneien sollen
[wir wünschen uns nicht wirklich Schnee in der Stadt
Schnee auf den Straßen wird ganz schnell – na ja - unschön]
aber nun ist er da
der Schnee
er fällt fällt fällt
eintönig
er liegt liegt liegt
still
erst jungfräulich dann
wie alte braune Hefe
und irgendwie gewöhnen wir uns
an den weiß-braun gescheckten Kerl
Pippi Langstrumpfs Pferd
reitet durch die Stadt

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Zustandsbericht

ein Fall zu viel
in die Haut genäht
rohe Angst

.

geflügelte Worte
stürzen
tief

.

Altern ist
Versickern von
[Über]mut


alle Jahre wieder

(c) jeannette frei
Erna ist ein verqueres altes Ding. Immer dann, wenn es bei anderen so richtig gemütlich wird und sie das Singen anfangen, trippelt Erna vor meiner Tür.
 
„Morjn, Erna!“ 


Weihnachten. Schon wieder ist ein Jahr vorbei gehuscht. Nur ein Mauseschwänzchen hat man gesehen, bevor das Jahr hurtig unter der Kommode verschwand.  Ernas Zeit vergeht schneller als die Zeit der anderen. Oder langsamer. Jedenfalls nie in dem Tempo, in dem Zeit vergehen sollte: schön gemächlich, so dass man noch mitkommt und nicht ständig aus der Puste gerät, aber nicht so langsam, dass man denkt alles stünde still.

Heute ist die Zeit wieder ein Schnellkochtopf, es zischt und brodelt, Erna kippt schier aus den Pantinen, so schnell kocht die Zeit. Sie muss noch einkaufen, bevor die Geschäfte schließen. Schnell, schnell. Sie weiß nicht, was. Aber das ist egal. Sie braucht was zum Beißen über die vielen Feiertage. Und was besonderes muss es sein. Man muss doch schließlich schmecken, dass Weihnachten ist. Von Butterbrot kann man schließlich noch den Rest des Jahrs leben.

Erna kippt aus den Pantinen, wurstelt sich hinein in die Stiefel. Schnaufend bückt sie sich bis die Fingerspitzen gerade so den Reißverschluss erreichen und zieht und zerrt. Das klemmt wieder, das Mistding. Dann hat sie das Ding in der Hand, das Ding, diesen Wurmfortsatz, mit dem man den Reißverschluss hochzieht. Sie weiß nicht, wie das Ding heißt. Der Reißverschluss ist zu, aber sie wird ihn nie wieder aufkriegen, denn das Ding ist ab. Sie schleudert das Ding verärgert in die Ecke. Mistding!

Sie greift den Geldbeutel. Das Kleingeld klimpert fröhlich, die Scheine rascheln vorfreudig. Sie grabscht sich die alte Plastiktüte, öffnet die Wohnungstür und zieht sie hinter sich zu. Wumm! Die ist zu. Wo ist der Schlüssel? Sie gräbt mit der knotigen Hand in der rechten Schürzentasche, sie schaufelt so dies und das ans Tageslicht: ein Schnupftuch, kariert, noch von ihrem Vater, eine verbogene Büroklammer, einen zerknitterten Einkaufszettel, ein abgegriffenes Tütchen Zucker. Aber keinen Schlüssel. War doch klar! Der ist drin geblieben, da, wo er hingehört, am Schlüsselbrett. Man muss ihn ja schließlich wieder finden. Da hängt er gut! Ja – und der Mantel hängt auch gut an der Garderobe im Flur.

Erna lässt sich ächzend auf der obersten Treppenstufe nieder. Kann nicht lange dauern, dann wird der Allerwerteste kalt und sie muss wieder aufstehen. Aber bis dahin …  Pause. Sie findet ein altes Bonbon in der linken Schürzentasche, dröselt mühsam das Papier auf  und stopft den Kleb in den Mund. Es klappert gegen die morschen Restzähne.

Während sie noch so sitzt kommt die Junge von nebenan mit tausend brandneuen Einkaufstüten die Treppe hochgeraschelt. Erna wischt verstohlen mit dem Pulloverärmel einen Tropfen von der Nase.

Die Junge guckt komisch, drückt sich grüßend vorbei und hinterlässt eine Duftwolke vom Feinsten. Es ist wie ein Giftgasangriff, nur dass Erna keine Schutzmaske parat hat. Sie zieht geräuschvoll die Nase hoch. Nur nichts verkommen lassen. Das Parfüm benebelt ihr Hirn und umwölkt ihre Denke. Sie ergibt sich wohlig dem Duft und träumt von Jugend und Verliebtheit. Sie schmeckt den süßen Lippenstift, hat die alten Schlager im Ohr, die Füße zucken ein bisschen im Takt und die Fingerspitzen zappeln, so, als ob sie gleich lostanzen wollten über die  Tasten des alten verstimmten Klaviers. Puppchen, du bist mein Augenstern …

Manchmal ist das Leben schön. Erna hat sofort einen ganzen Chor im Kopf, der die Schönheit des Lebens herbeiruft.

Vom Himmel hoch!, jauchzt eine Stimme los. Da komm ich her, summt Erna. Und bring euch gute, neue Mär, brummt ein Bariton von ganz tief unten.

Und Erna greift, wie von guten Mächten gelenkt, in die linke Schürzentasche. Da ist der Schlüssel. Geht doch!, nölt er. Geht doch! Und er lächelt Erna  silbern blinkend an, wie ein polierter Stern.

Du  mein schöner, glänzender Schatz, flüstert Erna und lächelt versonnen zurück. Sie streichelt  liebevoll über den kahlen Kopf des Schlüssels und erhebt sich ächzend.

Auf, auf in den Kampf, Torero!, schmettert es,  und Erna macht sich endlich auf den Weg zum Kaufladen.

Jeden Tag muss sie wie verrückt aufpassen, dass sie nicht durch die ganze Welt fällt, hinein ins Leere.

Für diesmal scheint die Gefahr gebannt. Sie fühlt Ernaglück im Bauch.


Frohe Weihnachten!


mann mit mütze

die mütze nützt
die mütze schützt

vor vereisung
vor vergreisung
vor verzweiflung
[über mangelndes haar]

hast du nicht gesehn

unter der mütze blitzt
verschmitzt
eine glatze

die Lösung

in meiner linken Hand
sollte ein kleiner Engel
schlafen

und ich wollte
unaufhörlich
unter allen Umständen
immer
darauf bedacht sein
ihn nicht aufzuwecken


schönes Schweigen

du gibst mir viele Worte
ich zeige dir mein schönes Schweigen

was sonst sollte ich dir schenken

ich fürchte
wir würden ausufern
absaufen
wenn ich dir all die Worte gäbe die
in meinem Schweigen treiben

schwerelos

Winterwald

großer Vogel
Habicht unter kalter Sonne
im Winterwald
auf kahle Äste gepuderte
Freude

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es kommt

der himmel
grautuchverhangen
dahinter engelsposaunen
gedämpfter jubel
der background-sänger

weihnachten  wird kommen
wie jedes jahr
schneller
weiter
höher

fühlst du’s schon?
im Fenster
nimmermüder Zeit
dir zugetan

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hand in hand

meine hand in deiner
brüderchen und schwesterchen

deine lippen auf meinen
liebelang

meine brust an deiner
mondhügelige landschaft  

unsre hüften
hüllenlos

unsre zehen
lauschende rehe

in unsren achselhöhlen
nistet glück

déjà-vu

das Brautkleid das
ich nie hatte
ist wieder aufgetaucht
an einer die
sich traut


Überwintern
Man weiß ja nie
Wozu es gut ist

-

Das Gelbe vom Ei
Auslöffeln
Was du dir eingebrockt hast

-

Vollzeit
Alle Kraft voraus
Im Nacken sitzen

Friedhofsgeschichten

Mutter sagte: 
Wie man sich bettet, so liegt man.



Auf dem Friedhof gibt es einen Grabstein, auf dem steht nur:

Meine Mutter     * - *
Onkel Otto        * - *



Dann ist da ein Grab, da liegt ein ganz Kleiner bei einem Großen. 
Der Kleine liegt als Steinchen auf dem großen Stein. 
Oder er hockt als ganz kleiner Stein neben dem großen Stein des Großen.



Stuttgart, Dornhaldenfriedhof. Im Eilschritt die Namen auf den Grabsteinen abarbeiten. Die Stecknadeln im Heuhaufen suchen. Baader, Ensslin, Raspe. Ihr Grab nicht zu finden. Im meinem Hirn nur nebulöse Bilder. 1977 - ich lebte hier, aber kaum eine Erinnerung an diese fast unwirklich gewalttätige Zeit. Ich war nicht bei der Beerdigung: Bilder auf Youtube, die Melodie*, die ungerechtfertigte Sentimentalität aufrührt. Am Ende nur noch pure Gewalt von allen Seiten.

An einem bestimmten Punkt der Grausamkeit angekommen, ist es schon gleich, wer sie begangen hat: sie soll nur aufhören.‘ (8. April 1945, Frau Wilde, 5 Kinder)

* Joan Baez, Here's to you, Nicola and Bart



Waldfriedhof. Friedbaumgräber - Fried-Wald wäre übertrieben. Randexistenzen, Namensschildchen am Stamm, ab und zu noch eine Weihnachtsgabe daneben. Jemand war da und hat an dich gedacht. Würde mir genügen. Draußen lärmt die Straße vorbei.



Ein frisches Grab weit entfernt, irreal. Ich konnte nicht dabei sein, als mein Bruder darin seine Ruhe fand.



Wie man sich bettet,so liegt man.
 Oder wird man gelegt.
 Wohlverdient?





Brüderchen und Schwesterchen

[Spurenlese]
auf alten Photographien
Brüderchen und Schwesterchen
[Kinderglück?]

[Moderne Zeiten]
der Wald wird krank
und Brüderchen auch
[anders!]

Brüderchen und Schwesterchen
leben ihr Leben in wachsenden Ringen
die sich selten berühren

[Die Hexe?]
ist eine wuchernde Krankheit
man kann ihr nicht entfliehen
[am Ende.]

Brüderchen stirbt
Schwesterchen bleibt
noch

Wenn draußen ein Abendrot ist
und drinnen die Lampe
freundlich scheint
Dann gibt es eine Ahnung
von Glück drinnen
und draußen
Vergangen nicht,
Verwandelt ist,
Was war
(Rainer Maria Rilke)

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Bruder

Was kann ich dir nachrufen

Du warst mein großer Bruder
Der plötzlich nur ein Mensch war
Nur ein Mensch schwach
Zu einer Zeit als ich dich gern
Noch weiter angebetet hätte

Doch Götter stürzen
So ist das Leben so
Und nicht anders
Ist es

Was mir bislang nicht möglich war
Das tu ich jetzt
Ich deine kleine Schwester
Ich hüll dich ein in mich
Für immer


unlösbar
vorbei

(meinem Bruder)


zum Herbst

Flackerndes Licht
Mein Herz ist ein Kranich
Auf dem Weg nach Süden

.

Viel Wind um nichts
Die Blätter tanzen
Wildgeworden

.

Kälteeinbruch
Ich hülle meine Hoffnung
In warme Wolle


Der Stalker

Es juckt mich in den Fingern, über  "meinen Engel" zu schreiben.

Feinstoffliches Wesen, lang nicht mehr gesehen, verdünnisiert, unsichtbar gemacht, verflüchtigt, auf und davon. Luftikus?

Wie er wohl inzwischen aussieht? Ob er älter geworden ist. Ob die langen blonden Haare dünn und grau werden, sich vielleicht sogar eine kahle Platte auf seinem Kopf abzeichnet. Ob er sich altershalber eine Kurzhaarfrisur zugelegt hat oder den Kopf glatt rasiert, damit man die Platte nicht sieht. Ob er Brillenträger geworden ist, Grübel-Falten über der  Nasenwurzel hat, sein Augen müde und glanzlos geworden sind über dem Chaos meiner winzigen Welt. Ob er sich schäbbich lacht über mich. Ob ich seine Witzfigur bin? Ob er zu viel obergäriges Klosterbier trinkt und einen Bierbauch vor sich her bugsiert.

[Du sollst dir kein Bild machen …]

Vielleicht ist er einer dieser riesigen, düsteren Engel aus der Hagia Sophia. Mächtiger Schicksalsengel, immer gleich, aus dem Dunkel kommend, Dunkel in die Welt bringend, unheilverkündend, wie ein Schatten folgend, verfolgend.

Ein Stalker war er jedenfalls schon immer.


Foto: Beate Paland (CC BY-SA 3.0 DE)


Warten

Ich hülle mich ein in die Zeit
Eine Decke so schwer und so leicht
Ich ziehe die Beine ganz nah untern Leib
Und krümme den Rücken
Ganz klein

Ich lieg in deiner Hand
Die mich weckt
Irgendwann

Irgendwann
Bist du meine Sonne
Bin ich dein Mond
Bist du mir die Sonne
Schenk ich dir den Mond


der Schrei des Habichts


über den Wipfeln
sein Schrei
                            allein
der Schrei
über den Wipfeln


Samstag

morgen
der Tag des HERRN
den keiner
kennt

wenn du nicht da bist

wenn du nicht da bist
und es wird dunkel
dann kriecht ein Sehnen
über die Bettdecke

wenn dazu der Mond
voll und rund ist
besoffen
von seiner eigenen Fülle

dann hilft nur
Füße warmhalten
mit einer Bettkatze
sonst ist's arg

wenn's arg wird
dann flüstern die Schatten
aus den Ecken
und hauchen ins Ohr

und es hilft nur
unter die Decke kriechen
und so tun als schliefe
das kleine ich

Und dann stehst du am Meer

Und dann stehst du am Meer
und der Himmel spannt
sein blaues Tuch
über dir

Du löst es
vorsichtig

es ist leicht wie eine Feder

Du breitest sein feines Wolkengespinst
zu deinen Füßen in den Sand
und freust dich
dass der Himmel jetzt
hier ist

so leicht so blau

Du machst einen Kopfstand
- du kannst es noch -
und alles hat
wieder seine Ordnung

Vogelherbst

dieses vielstimmige Zwitschern
ist eine einzige überschäumende Welle
der Vorfreude
mitreißend
all jene die bleiben


Reisegedanken

reisen
um nicht anzukommen
.

um die halbe Welt
sich selbst auf dem Buckel tragen
.

und dann stehst du am Meer
und der Himmel fällt dir
auf den Kopf
.

Wolken treiben
nie westwärts
.

Heimweh ist
ein schwarzer Schwan

sausekind
wild wie wind
leg dich 

auf daune schlaf
jag du
den träumen nach

sei du / nicht brav
sieh dich nicht um
hinter dir 
rund
wacht nur

der mond
bellt nur
ein hund

















foto: www.picturepilot.de

.

Sonne im Herzen -
der Himmel hält sich
bedeckt

.

.

Blau scheint durch -
Vergissmeinnicht

.

Bilder Album

Aus unsrem Leben
Wir lieben es

Das waren wir
Das sind wir

Die gleichen
Nur größer

Die selben?
Selbstverständlich
Noch selber

kurz und bündig



Feinsinnig
Schwarzes Kakaopulver auf
Weißem Milchschaum

-

Spitzfindig
Der silberne Fingerhut
Von Großmutter

-

Einfach
Und wer mich liebt
Der holt mich weg






angst

ich bin klein
mein herz ist
rein

vater
großer vater
du bist größer als der schrank

schau die langen schatten
unter meiner bank
schau die tiefen schatten
unter meinem bett

mutter
liebe mutter
feg die toten ratten
feg die bleichen käfer
feg die fliegenleichen
feg sie einfach
weg

ich bin klein
meine angst die
spinnt mich ein




es ist nichts

es ist nichts

nur ein kurzes stocken
im fließenden verkehr

nichts wirklich wichtiges

nur ein aufatmen
seufzen
innehalten
entfalten

der sardinenbüchse
ich
entkommen

Gott-sei-Dank

Gedanken rotten sich
Zum Hirnschlag

Doch Gott-sei-Dank

Gras wächst wieder
Über Zweifel

Gott-sei-Dank

Getrenntes nimmt sich
Bei der Hand

Gott-sei-Dank

Schau

Oben thront
Der alles verzeihende Mond

dunkle Schokolade



ein schwarzes Mädchen
geht vorbei

um mich herum
plötzlich der Duft
dunkler Schokolade

alles ist gut

fahren

als ich aufstieg
und losfuhr

morgenschleier über den schultern
milchsonne als hut
taunetz kühl auf meiner haut

als ich so fuhr
da war leben

vergängliches Licht


die Wolken ziehen
vergängliches Licht
doch immer wieder
der Grashalm
Du

der Wind will drehen
die Welt zerbricht
doch immer wieder
der Grashalm
Du


die Wege vergehen
die Zeit lahmt dahin
und immer noch
der Grashalm
Du



Foto: Jim Martin


Mondgedanken

der volle Mond
sieht immer ein wenig
verblüfft aus
überfordert
von seiner eignen Fülle?

du weißt
abnehmen fällt ihm leicht

zur nacht

frau lampe lebt ihr leben
eigenwillig kontaktarm
lässt mich im dunkeln munkeln
bis mir der gähnerich s'maul sperrt
dann schließ ich zu
und aus die fledermaus

gut nacht!

Frisiersalon

der örtliche Penner beim Kämmen
im Frisiersalon
will mir einfach nicht gelingen

dabei seh ich ihn doch
ganz deutlich
wie er da steht und sich von Vicky
(das ist die mit dem strohgelben Haarhelm)
den Kamm reichen lässt
für seine verfilzte rote Mähne

Ihn nenn ich Jonas ohne Wa(h)l
Sie eine verrucht verrauchte goldig Göre

schnipp schnapp der Zauberkamm von Vicky
macht nasse Haare wachsen hoppla !
es regnet allzu schnell vergeht
der Sommer


still ist es

still ist es immer
wenn ich lausche

manchmal geschieht es
ich ertrinke in Stille

und draußen tost
die Welt

Zwei Wesen - ach

nur Räder?

zwei Wesen - ach ...


















ein Rad mit Beton
auf dem Buckel
ein Rad mit Tulpen
vor der Brust



Mutter sagte

Mutter sagte:

fein sein
beinander bleiben

da denk ich:

aber was tun
wenn der Wind weht
wie er will


Abendlied

wie harmlos kommt's daher ...

müde bin ich geh zur Ruh
schließe meine Augen zu
leg mich hin ganz wie ich will
halte meine Füße still
mal mir einen bunten Traum
sinke tief in Blütenschaum
grab mich ein in warmen Schlamm
lutsche Daumen hab es warm
sammle für den nächsten Tag
was die Nacht mir geben mag

müde bin ich geh zur Ruh
wink dem Tag noch einmal zu
lass ihn dann ganz einfach gehen
morgen werd ich weitersehen
morgen wird ein neuer Tag
komme was da kommen mag

zeitvergleich

zeit in scheiben
am stück schmeckte sie
besser

zeitlupe
vergrößert nur
der raum

zeitfenster
das kinderstühlchen
immer noch

zeitgleich
küsse kreuzen
auf französisch

zeitnah
ein unwort
unsrer zeit

zeitverzögert
irgendwann ist endlich
ein ende


ein Tag

nicht jeder / Tag ist so wie der heute der anfing und weiterging nahtlos von einem zum andern mal schlich mal hüpfte mal rannte mal still vor sich hin dümpelte nicht fragte nach dem warum und wohin und was jetzt sondern einfach war wie er war ein Tag

dann dieser / der fragt der sucht nichts klaglos nimmt der verzwickte vertrackte nicht Freund gut Feind weil vertraut so vertraut ihn nehm ich zur Brust  und versuch ihn zu stillen mit Milch längst versiegt

jetzt er / dieser Tag wie eine reife Frucht süß vollmundig kurz vor dem Bersten fast nicht zu ertragen schwer in der Fülle satt im Aroma ich leg ihn dir zu Füßen die Ernte von allem was gestern was heute was kommen will leg ich zu Füßen dir gib acht du bist sein Hirte

vom Reisen - der Koffer

Blüten fallen
auf den Koffer
den ich nicht gepackt habe
der leer ist

ich bleibe

auf dem Koffer sitzen
der mich erträgt
weil er sonst nichts
tragen muss

Ich wünsch mir (ein Gedicht)

dich auffangen zu dürfen
wenn du aus allen Wolken
fällst

es kommt selten vor
dass einer aus den Wolken fällt
ich wär gern dabei

vielleicht hättest du noch
Flügelansätze am Rücken
die würde ich dir
glatt streichen

auf Erden eckst du damit
nur an


Basel 2014

vier ältliche Jungfern
vor Urzeiten der Klosterschule
entsprungen
kurven versonnen lächelnd
in ihrer grauen Blechkiste
durch die engen Gassen
am Leonhardsberg

zwei mächtige Engel aus Holz
liegen gestrandet
im Kreuzgang des Münsters
einer hat die Hoffnung
bereits aufgegeben
der andere startet
einen letzten Versuch

sonst sind keine Engel unterwegs
es sei denn
die unscheinbar graue Feder
zu meinen Füßen
stammte von einem Engelsflügel
der mich unbemerkt
streifte

im botanischen Garten
zwei Frauen
eine junge eine alte
auf Schwyzerdütsch
schwatzen sie sich
das vertrackte Leben
gemütlich

drunten fließt Vater Rhein



treiben

du stehst am Ufer
während ich
treibe

~

in Gedanken
treibe ich wieder
rheinabwärts
ich sehe dich
am Ufer
ein Schatten


(Basel 2013 / 2014)



Rosen

ich leg dir Rosen
auf die Bettdecke

ich weiß
das ist nichts für Männer

ich leg dir trotzdem
Rosen auf die Bettdecke

du kannst entscheiden
was du damit anfängst

ob du sie vertrocknen lässt
oder ihnen Wasser gibst

Waschen Schneiden Föhnen

mit geschlossenen Augen
zurück gelehnt
schmilzt er ins Waschbecken
nur um kurz darauf
frisch gestylt
mit quietschenden Reifen
den Asphalt in Brand zu setzen

Mutter sagte

Mutter sagte:

stille Wasser sind tief

seither versuche ich
stille Wasser auszuloten
bis auf den Grund
und stoße immer
nur an meine eigenen
Grenzen


unsere Liebe

unsere Liebe
ist ein winziger Orangenbaum
der vielleicht blühen
aber nie Früchte tragen wird

seine Zeit zu reifen
ist begrenzt

deshalb trage ich
eine Orange
in meiner Tasche

schwer
wiegt die Orange
die ich für uns
trage






Wir

Du gähnst wie ein Löwe
Ich tigere durch Säle

Zusammen sind wir
zwei launige Affen
zwei stolze Giraffen

Zusammen sind wir
zwei stille Schwäne
die Achter malen
auf rauer See

Das Versteck

im Schrank auf dem Flur
hingen Vaters Jacken und Mäntel
sie rochen nach kaltem Rauch
und boten ein gutes Versteck

oben auf dem Hutbrett
in der hintersten dunklen Ecke
lagen die Pistole und das Halfter
allzeit bereit

wenn das Telefon klingelte
kam Vater manchmal zum Schank
öffnete die Tür
nahm die Pistole heraus
und steckte sie ins Halfter

er schnallte das Halfter um
schlüpfte in seinen Mantel
setzte den Hut auf
küsste die Mutter auf den Mund
und verließ die Wohnung

mitten in der Nacht
kehrte er zurück



stille Tage

stille Tage
wenn's drinnen und draußen
schweigt

wenn alles
selbstverständlich läuft
wie geschmiert

ohne Zweifel

wenn Dämmer ein Zustand ist
in dem etwas aufblüht
ohne Frage

stille Tage

Chamäleon

wenn ich dich ansehe
sehe ich viele verschiedene
in Einem
Einer hat immer die Oberhand
für Minuten, Stunden
für den ganzen Tag
oder länger

Ich bin dann die Andere
passend oder unpassend zu dir
je nachdem
welches Muster ich gerade webe
welche Farbe ich trage
färbe ich ein wenig ab
auf dich

und du färbst ab auf mich

Geistesblitz

wenn ich nicht weiter weiß
dann stiere ich ein kleines Loch in die Wolkendecke
[fällt ja keinem auf]
ich stippe mit dem Zeigefinger hinein
bis ich den winzigen Engel zu fassen bekomme
der darin poft
ich puste ihm sanft in die blonden Locken
zupf ihm erst die Flügel zurecht
und dann sein Hemdchen
und polier ihm den Regenbogen auf
vorsichtig mit meiner Fingerspitze
bis die Farben schillern

wenn der Engel dann
auf dem Bogen zu schaukeln beginnt
gibt es einen Geistesblitz

regenfahrt (zu hundertwasser)

träume ins graue
steigen lassen
regenbogen gleich

spiralen malen endlos
termitenerdenbraun
mit feurig rotem mohn
im herzen

regenprasseln dirigieren
eintönend
die hand immer am lenkrad

sich an den verwaschenen horizont
klammern
bis er bricht
Ich habe heimlich
aus deiner Schublade genascht

Ich habe mich fremdgeschämt
für mich selbst
weil ich es heimlich tat

Du hast es nicht bemerkt
Deine Vorräte gehen nie aus

verfrühter Nachruf

Gegessen
Brot mit Butter und Salz
Gewusst
die Kindheit kommt nicht mehr zurück

Gesungen
ein einfaches Wiegenlied
Geahnt
dass Hoffnung nicht immer Sinn macht

Gelesen
ein Gedicht von Erich Fried
Gewusst
nie werde ich so schreiben können

Geliebt
die an meiner Seite
Gelebt
wie es mir möglich war
Geahnt
dass der Tod ein Meister ist

.


meine sonne schenk ich
keinem
und nur
einem
schenk ich meine nacht

vogelfrei am himmel
in den zweigen
zilpgezwitscher
quirlig
a c h
der frühling
wie er sich gebärdet
dieser zauberkerl
jedes jahr
immer wieder
wundersam

Kleinteile in Arbeit


der Flug zu den Sternen
wurde verschoben
aus familiären Gründen

.

ich weiß nicht
[I don't know either]
ich weiß nicht weiter

.

was ich sagen wollte
war unerhört
es blieb ungehört
weil ich es nicht sagte





Zauberer

Lächeln huscht
über meine Haut
durch mein Haar
breitet sich auf
meinen Lippen
     flüchtig
wenn du mich berührst
sind deine Hände
Zauberer
auf fremdem Land

peace give me

zu kurz sagst du knapp
dabei liegt in der kürze die würze
so sagt man doch oder?

worte zusammengeschnurrt
wie zu heiß gewaschene wollsachen
bretthart und kratzig
worte verfilzt zu undurchdringlichem
dickicht widerspenstig dornenbestückt
engmaschig abweisend

wo bleibt der sinn sagst du und ich sag
dann bohr doch ein loch mit deinem einhorn
guck auf die andere seite vielleicht
findest du dort was sinn macht
alice in wunderland oder
der blöde könig und die blöde königin  

versuch's wenigstens
ein einziges mal versuch's
mir zuliebe peace
give me a chance

Tatort Ost

Freilaufende Kinder
Lärmende Kinder
Bälle die an Mauern prallen
Bälle die durch Scheiben fliegen
Bälle die auf Dächern landen
Bälle die haarscharf
Am Kopf vorbei zielen
… Tor

Der Lan von gegenüber
Händchen haltend
Mit weiblichem Pendant
Nie dieselbe immer die gleiche
Langhaarige und ihr Hund
Immer derselbe immer der freche
Fröhlich kläffende kleine
… Köter

Hinter vergilbten Gardinen
Plärrende Volksmusik
Serviert zu lauer Abendstunde
Dazu Ströme von Warmbier
An Zigarettenqualm
Zum Dessert dann Streit
Bis der Arzt kommt
… Tatort Ost

 .

Rückzug aus dem gelobten Land -
die Nachbarn kehren heim
in den Süden

.

Mondnacht

wie viele Krater
hat der  volle Mond?

ich zähle endlos
nicke endlich ein
im Traum hör ich das Gras
für seine Kälber sprießen
ich heule mich
an seiner kahlen Schulter aus
bedecke seinen kühlen Mund
mit Küssen
bis er mir bleich
verwäscht
im Morgenlicht
bis Vogelstimmen
picken
an meinem Traum
dann küss ich ihn
ein letztes Mal
und lass ihn
ziehn
denn er ruht aus
wenn unser Tag
anbricht

kurz und bündig

.
kurz und bündig
hält vielleicht ein leben
lang
.

was lange währt
scheint
unendlich
.

unendlich
ist irgendwann
zu ende


.


früher wie heute

die fehlenden Teile
blieben verschwunden

keiner wusste wohin

alle Nachforschungen
waren erfolglos
Ersatzteile so rasch
nicht lieferbar

die Löcher mussten
notdürftig geflickt werden
auf die alte Art

.

Ein Loch ist im Eimer, lieber Heinrich, lieber Heinrich
Ein Loch ist im Eimer, lieber Heinrich, ein Loch!

Verstopf’ es, liebe Liese, liebe Liese, liebe Liese
Verstopf’ es, liebe Liese, liebe Liese - mach’s dicht!

Womit denn, lieber Heinrich, lieber Heinrich, lieber Heinrich
Womit denn, lieber Heinrich, lieber Heinrich - womit?

Mit Stroh, liebe Liese, liebe Liese, liebe Liese
Mit Stroh, liebe Liese, liebe Liese - mit Stroh!



Menschenbilder

Da ist dieser muslimische Student, der unvermittelt seinen Rucksack beiseite stellt, ein Stück Stoff auf dem kalten Steinboden ausbreitet (direkt neben den Fahrradständern an der Uni) und sich gen Mekka verbeugt und betet.  Die Richtung vorgegeben. Zielsicher in seinem Glauben.

Da ist die junge Frau in der Oper, mehr breit als hoch gebaut. Sie trägt vor allem eine Handtasche aus rotem Lackleder, dazu ein mittelblaues, zu kurzes Kleid, dazu passende blaue Strümpfe und überaus zarte Stiefeletten im selben Blau mit Rot. Blau und Rot ist Bauernmod'. Stämmig. Eine Wucht.

Da ist die ältere Frau, der die Jugend ins Gesicht geschrieben steht, eine kostbare schwarze Tulpe. Die Augen Vergiss-mein-nicht. Der Mund Küss-mich-ich-bin-der-Frühling. Die Haare Rotgewölk im Abendlicht. Und neben ihr der Herr, so unscheinbar.

.

frühlings erwachen
und du
bist noch da
.

Wär doch gelacht ...

Wir steigen aufs Tandem und treten los, was das Zeug hält. Wir, das sind du und ich, das bist du, das bin ich. Wir treten los und hoffen, dass die Bremsen notfalls greifen. Wir trebbeln im Takt der Musik, unsrer Musik, die nur wir hören, wir zwei, du und ich. Wir sehen uns nicht um. Sieh-um-dich ist ein Angstwort.  Sieh-um-dich ist eine schmale Gasse, aus der kein Entkommen ist. Sieh-um-dich ist eine Hetzjagd im Dunkeln.
Wir trippeln und trappeln und lassen alles vorbeiziehen, haltlos.
Gingen wir doch lieber zu Fuß, langsam, bedächtig. Liefen wir doch lieber neben einander, statt hinter einander zu fahren, schlenderten wir gemütlich, uns nach allen Seiten umsehend, im Sonntagsschritt. Ließen wir doch einfach überholen, machten Platz, träten beiseite. Schauten in die Wolken.

Dann … ja was?

Vielleicht würde dann der Wein nicht sauer und das Brot nicht trocken. Vielleicht bliebe unser Kuss süß wie ein mit Honig getränkter türkischer Kuchen.

Was rede ich da …  Wär doch gelacht.


Mutter sagte

Mutter sagte:

Iss auf
dann gibt es schönes Wetter

Ich esse nun
seit achtundfünfzig Jahren
brav
meinen Teller leer

Und draußen
jagen die grauen Wolken


Nostalgie

Manchmal vermisse ich
die eine schwarze Tulpe
in Nachbars verwunschenem
Garten.

Dann mache ich mir
ein Butterbrot.



Istanbul - Notizen

starting position -
der Ruf des Muezzin
lichtgewebt
.
you again -
fünf Mal täglich
Waschung für Allah
.
c(h)at -
Katzen räkeln sich
im Vorhof der Moschee
.
sleepless -
die kleinen Läden
hellwach



early bird

wie lange noch

bis die anderen / aufwachen
auf der terrasse / liegt einer leise
schnarchend / die leere bierflasche
locker in der hand / übrig
geblieben / morgengestrandet
mundtrockene randexistenz
schamlos seich

Wanderstein

Der Wanderstein wandert.

Er rollt von Istanbul bis Antalya. Er grüßt den Bosporus und das Marmarameer. Rollt weiter über Troja nach Pergamon nach Ephesus nach Pamukkale und landet an der Südküste. Er sieht viel Geschichten Tragendes, unter Geschichte Zusammengebrochenes, Zerfallenes. Gemäuer, vielleicht die eine und andere Eidechse darin huschen.

Er hat Geschichten zu berichten.
Vom Tuten der Schiffshörner am Bosporus. Vom Wehen des Winds über trockenem Gestein. Vom Flitzen der Eidechsen. Vom Rumpeln des Busses. Von Toten und von Lebenden.

Gesprächsfetzen. Gelächter. Musik. Gerüche. Farben.

Vom fremden weißen Sichelmond. Von den Lichtern Istanbuls und von dunklen Löchern im Nachthimmel, die nackte Sterne gnädig decken. Von Gräben, in die er rollt. Und davon, wie er es schafft, sich wieder zu befreien. Von Wegbereitern, Wegbegleitern, Wegelagerern.

Gute Reise    iyi yolculuklar!

foto: l.wetzel

taubenballett

eine taube oben auf dem dachfirst
zwei tauben auf dem dachfirst im späten sonnenlicht
drei tauben die sich mit geschlossenen Augen sonnen
vier tauben eine fünfte
und alle
zusammen in der späten sonne
hoch oben auf dem dach
nickend
gurrend
trippelnd
sich um die eigene achse
drehend

Paradies

Ein Garten. Es fließt Wasser und roter Wein, und es gibt gutes Brot in Hülle und Fülle. Und Du bist da.

Mehr als … sagst Du, mehr als Wein, der von selbst in den Mund fließt, und mehr als Brot, das wie selbstverständlich da ist.

Mehr als … , sagst du, das ist das Paradies.
Nicht mehr Wein, nicht mehr Brot. Mehr als das, was uns von selbst zufällt.

Mehr als ...du und ich?

Märzenbecher

die Unruhe
      vielleicht der Frühling

in den blauen Augen des Schäfers
treiben die Wolken

ein Gurgeln
aus den endlos verschlungenen
Gedärmen der Erde
inmitten von Märzenbechern
sprudelt Wasser
den Zug der Wolken
fröhlich nachäffend

die Unruhe
      vielleicht der Frühling

deine Augen
spiegeln mir den Himmel


street photographie























so tun als ob
damit der schnappschuss
nicht in der luft
hängen bleibt

foto: jim martin

 

der rote Milan

du verführst die Nachtschwalben
lässt sie den Regenbogen träumen
auf dem du gleitest
als seist du ein Fisch
als seist du eine Schlange

du zähmst die Dunkelkrähen
sie halten Wache
an deinem Lager

du lockst die diebische Elster
in deine Herzkammer
und setzt sie dort fest

aber der rote Milan
dreht seine Bahnen
ungerührt


freier eintritt

freier eintritt -
der weiße schäferhund bewacht
den eingang

ich hoffe auf ein wunder


kleine wilde nacht

dich biegen unter küssen
wie ein fisch ins dunkelwasser
atemnetze horchend
hand auf dem haar
der traumhülle leichtflüchtig
nachtgeborener gedanken
bevor du anker wirfst
im ersten vogelruf

frühlingstreiben

ein böiger wind regnet
den winter vollends
den bach hinunter und
die erde treibt grüne spitzen
noch schamhaft verhüllt
schmale musliminnen
in grünen gewändern
du ahnst schon
was der frühling alles
hervor locken wird
Sie
unbeschreiblich
weil sehr weiblich

Er
unbeschrieben
weil so fremd geblieben