Jede Frau ist eine Insel

Von mir aus, geh!, hat sie ihm zugerufen, und er ging. Sie hat nicht gesagt: Geh doch! oder: Hau doch ab! Diese Worte überlässt sie anderen. Sie hat das gerufen, was ihre Mutter  gerufen hätte. In beleidigtem Ton. Sie fühlt sich wie die eigene Mutter. Altes Holz, weggeworfen.

Das trockene Holz im Schuppen ist noch nicht gehackt. Und es wird schon kalt.

Vergangenen Winter haben sie zusammen diesen schwedischen Holzofen ausgesucht, für das Haus, für die Gemütlichkeit, jetzt, wo die Kinder fort sind. Flügge geworden wie die Vögel, die oben am Himmel ziellos kreisen. Sie weiß nicht, sind es Krähen? Lautlos kreisen sie gegen den weißen Kondensstreifen an, der sich von Norden nach Süden zieht. Im Süden kräftig, nach Norden hin sich allmählich verlierend. Wie es sich gehört. Zieh immer von Nord nach Süd!, hört sie die innere Stimme rezitieren. Was weiß die schon? Woher kommt sie, diese Stimme, die sie seit kurzem immer häufiger hört. Sie ist neu. Sie kann sich nicht erinnern, dass sie früher auch schon da war. Sie sagt immer so merkwürdige Sätze wie diesen. Bedeutungsvoll und gleichzeitig erschreckend banal.

Sie blickt dem Rücken des Mannes nach, der die Treppe hinunter verschwindet. Sie sieht ihn durch die Haustür und die Außentreppe hinab davon ziehen. Dann ist da nur noch das helle Viereck der offenen Tür, leer. Sie hört, wie draußen der Motor des schweren Wagens gestartet wird. Kein Stottern, verlässliches Schnurren. Auf ihn war immer Verlass die ganzen Jahre. Dann wird die Autotür zugeschlagen. Ganz normal, nicht besonders laut. Seinen Aufbruch in die Freiheit hätte er doch besser inszenieren können. Eine Fanfare hätte ertönen müssen. Ein Aufheulen des Motors hätte es der ganzen Nachbarschaft ankündigen müssen. Ein Mann ist endlich frei!

Schiebt ihr doch weiter eure elektrischen Rasenmäher über  die Stoppeln eures handtuchgroßen Rasens und köpft jedes Gänseblümchen, das euch im Weg steht. Ihr heimlichen Terroristen!

Da ist sie schon wieder, die innere Stimme. Wahrscheinlich ist sie ab jetzt mit dieser Stimme verheiratet, unterhält sich abends mit ihr vorm schwedischen Feuer, fragt, was sie einkaufen und kochen soll und von welchem Geld sie bezahlen soll.

Sie fühlt sich wie die eigene Mutter und wollte doch nie so sein. So abgestellt, so verlassen.
In der Ferne heult ein Motor kurz auf. Dann ist die Luft wieder rein.

Noch immer im Schlafanzug geht sie hinüber in den Schuppen, packt das Beil und fängt an Holz zu hacken. Sie hackt auf die Scheite ein, bis der Schweiß in Strömen den Rücken hinunter läuft und der rechte Arm lahm ist. Die Schulter schmerzt. Es ist ihr egal, dass sie die Nachbarn an einem Sonntag Morgen um Sieben aufweckt. Sie streckt sich.

Plötzlich fällt ihr Blick hinab auf die Füße. Sie sind nackt. Sie ist ohne Schuhe aus dem Haus gelaufen, und das am ersten November. Sie fühlt die Kälte langsam hoch kriechen. Wer wird ihr jetzt die Füße im Bett wärmen? Irgendwo hat sie einmal gelesen:
Es ist eine Sache
mit einer Frau zu schlafen
aber es ist eine andere Sache
in der Dunkelheit
mit ihr eingesperrt zu sein
während dich ihre kalten Füße
in den Wahnsinn treiben.*

Sie weiß noch, dass diese Zeilen sie kalt erwischt haben. Sie hat sich ertappt gefühlt. Sie hat die Rolle gewechselt, war plötzlich der Mann, der dazu verdammt ist, bis ans Ende seiner Tage die kalten Füße einer Frau zu wärmen, die er nie liebte. Oder, nicht mehr liebt. Sie hat sich selbst verlassen beim Lesen dieser Zeilen. Kann man sich selbst verlassen? 

Sie horcht in sich hinein. Kein Kommentar der inneren Stimme. Eigentlich sollte jetzt etwas kommen, etwas sinnlos Bedeutungsschweres. So etwas wie: Jede Frau ist eine Insel. Da, das war es. Jede Frau ist eine Insel.

Sie ist wieder eine Insel.


* Marie

Kommentare:

Bernhard Albrecht hat gesagt…

Insel


Eine Insel der Mensch -
jeder,
offen das Ohr,
lauschend ins Irgendwo.
Worte ohne Herz
tanzen
durch ein Nirgendwo.

Einsam
im grossen Weltenmeer
kreiseln
Gedanken, Gefühle
ungreifbar nah.

Ich sitze,
mir selber unsichtbar,
ins Glas gehaucht
ein Panoptikum
vor der Welt.

Ich sitze und suche mich!

Vor dem Fenster Schneeglöckchen,
Eis überhaucht,
Köpfchen tief gesenkt;
dies Bild in mir
schrecke ich auf.

Wach und doch träumend,
ich weiss nicht wie,
in mir ein feines Läuten -
umarme die Welt,
gebrochen ist des Winters Macht.

Ich lausche dem feinen Klingen,
springe ungläubig auf,
die Worte: Erschaffe Dich neu in mir,
Du selbst bist Dir Frühling,
sei mutig, die Weite des Lebens vor Dir.

© Bernhard Albrecht

herbst.zeitlosen hat gesagt…

danke dir, Bernhard, für die poetischen Worte.