Der Speicher

Hörversion

Immer wieder zieht es mich auf den Speicher. Und sei es im Traum.
Manches Kind hat ihn nie kennen gelernt, diesen Ort, an dem die Erinnerungen der Familie aufbewahrt werden. An dem die Mutter sommers wie winters die frisch gewaschene Wäsche zum Trocknen aufhängt, weil sie keine Wiese hat, auf der sie  die lange Leine spannen könnte.

Der Speicher ist dieser vor Trockenheit leise knisternde Raum ganz oben unterm Dach, an dem winzige Staubfäden wie Seepferdchen gemächlich im Sonnenlicht schippern, wenn Sonne da ist. Bei schlechtem Wetter ist es dort sackduster. Nur eine Glühbirne kämpft ums nackte Überleben. Es heißt:         
                    Im Keller ist es duster, dort wohnt der arme Schuster.
Aber, was ist mit dem Speicher? Wer wohnt da? Die Mäuse wohnen da und auch ein größeres Tier, das sich nie zeigt. Und der finstere Schrecken wohnt in allen Ecken. Kann sein, man muss ganz schnell hinaus rennen und die Tür mit lautem Knall hinter sich zuschlagen, weil da etwas lauert, das man ahnt und nicht wirklich wissen will.

Der Speicher ist Holz. Holz pur, trocken, rissig, altersgrau, voller Splitter, und wenn man nicht aufpasst, dann weinen die bloßen Füße und an den Fingern muss man saugen. Die Füße haben schwarze Sohlen, wenn man mit den Stäubchen tanzt. Und die Nase niest sich ins reine Vergnügen hinein. Sie katapultiert sich direkt in den Kopfhimmel und noch darüber hinaus, hin zu den Tauben, die auf dem Dach trippeln, als ob sie es nicht mehr aushielten, als ob einer zu ihnen gesagt hätte:
                    Du bleibst hier und rührst dich nicht vom Fleck, bis ich wieder komme!
Sie trippeln und trippeln im Kreis, wie gebannt, und gurren:
                    Rugedigu, Blut ist im Schuh.
Und man schaut auf die Füße, aber da ist kein Schuh, und man ist keine Prinzessin, sondern wieder nur ein Aschenputtel, obwohl man weiß: Dort in der alten, großen Kiste lagert Samt und Seide und mit Goldfäden durchwirkter Damast. Die Kiste hat ein verrostetes Schloss. Den Schlüssel dazu hat was-weiß-ich-irgendwer vor langer Zeit verschlampt.

Auch Rumpelstilzchen hat irgendwie auf dem Speicher zu tun, obwohl es im Märchenbuch auf Waldboden tanzt. Man hört es manchmal nachts toben dort oben, es rumpelt und poltert seine ganze geballte Wut über den Boden, darüber der Wind. Der Wind, der Wind, das himmlische Kind pfeift durch die vielen Ritzen zwischen den Ziegeln. Er schneidet ganz gemein hinein ins Dach. Man fühlt ihn bis unter die Daunendecke. Er zieht an den Zehen.

Das ist der Speicher. Und nun noch sein Geruch!
Luftgetrocknetes, sonnenwarmes Holz an verblichenem Lavendel, mit einer ganz leichten Spur Mäusekot im Abgang.

Der Speicher

Kommentare:

HANS-PETER ZÜRCHER hat gesagt…

Eine wunderbare Geschichte liebe Monika, auch ich habe mich gerne im Estrich oder Speicher, oder wie es bei uns in Mundart hiess "im Schloff (kommt von Schlupf, niederer Raum)" aufgehalten. Hier waren als Kind wahre Schätze zu endecken. Danke für diese wunderbare Geschichte...

Liebe Grüsse Hans-Peter

Irmi hat gesagt…

Monika, ich wurde beim Lesen dieser Geschichte ganz ruhig und folgte gespannt jedem Satz. An den Speichr habe ich auch gute Erinnerungen. Ich verzog mich immer in eine Ecke, die ich mir hergerichtet hatte. Hier sprach ich mit meinem Teddy und erzählte ihm alle großen und kleinen Freuden und auch Wehwehchen. Ja, das waren Zeiten, die man nicht missen möchte.
Danke für diese Geschichte.
Ich wünsche Dir noch alles erdenklich Gute fürs neue Jahr.
Liebe Grüße
Irmi

herbst.zeitlosen hat gesagt…

@ hans-peter: "schloff", das ist ein gutes wort. die mundart hat immer die besten wörter. herzliche grüße an den naturbeobachter

@ irmi: danke dir, irmi, dir auch ein gutes jahr. damit deine zahlreichen leser noch viel interessantes erfahren können. grüße

Eva hat gesagt…

Und in der Kopfnote ein dominanter Geruch von geteerter Dachpappe...

Wunderbare Erinnerungen!

Grüße von Herzen ... Eva

herbst.zeitlosen hat gesagt…

Danke, Eva, für die fehlende Kopfnote :o)

Blumenfreund hat gesagt…

ja Speicher ist ein bisschen gruselig. Als ich das erste Mal hier im Haus alleine war, habe ich auf die Nacht die Speichertüre verschlossen, damit nicht die verstorbene Großmutter ( es Fräla) herunterkommt :-))

Schöne Grüße
Christine

herbst.zeitlosen hat gesagt…

"es Fräla" kenn ich auch noch nicht - nett :o)
LG