Schreiben - eine Selbstbefragung

Für wen schreiben? Für Leser, für dich selbst?
Du bist dein erster Leser, also für dich, vor allen anderen.

Über wen schreiben? Du bist dir am nächsten, also über dich?
Bist du dir wirklich am nächsten? Manchmal liegt Fremdes näher als Eigenes.

Über was schreiben?
Nur das, was du am eigenen Leib erfährst, was dich innerlich berührt, kannst du schreibend erfassen. Der Rest der Welt ist dir fern, bleibt ein unbeschriebenes Blatt, von anderen mitfühlend zu füllen.

Wie viel Ich verträgt das lyrische Ich?

Wen täuschen? Andere oder dich selbst? Wen enttäuschen?

Wohin zielen? Mitten ins Herz? Oder mitten ins Hirn? Was liegt dazwischen?
Was darunter liegt, kennst du.

Welche Erwartungen erfüllen? Deine eigenen, die deiner Leser?
Kennst du sie? Stimmen sie überein?

Was streicht die Selbstzensur? Darf sie das?
Warum?

Dich welcher Kritik stellen?
Bist du dir Freund genug, um deine eigene Kritik anzunehmen? Kritik eines Feindes wirkt nur vernichtend. Zwischen diesen beiden die sachlich wohlmeinende Stellungnahme.

Schreiben als Schatzsuche. Graben, graben, graben, alte ausgelatschte Schuhe finden, tausendfach Wiedergekäutes. Die Freude, wenn ein Fundstück verhalten glitzert, ungewöhnlich geformt ist, ein kleine Geschichte erzählt, ein nachtdunkles Geheimnis birgt.

Überraschst du dich manchmal selbst?  

Über dir die Sterne.  Furcht vor dem Griff in ein schwarzes Loch.

[Die Frage WARUM stellt sich nicht.]

Kommentare:

Der Emil hat gesagt…

Stimmt. Die Frage “Warum?” stellt sich nicht (mehr).

anSICHThoch3 hat gesagt…

Sehr sehr wahr! Wer sich (und vor allem nicht nur in der Bloggerwelt) diese Fragen ernsthaft stellt, wird weiter kommen.

LG Claudia

herbst.zeitlosen hat gesagt…

@Emil: Herta Müller hat die Frage: "Warum schreiben?" so beantwortet: "Diese Frage stellt man sich eigentlich nur, wenn man schon damit angefangen hat, und dann ist es zu spät. Ich glaube, es wird zu einer, ja es wird zu einer Art Wirklichkeit, zu einer Art, mit sich selbst zurechtzukommen. Es wird ein Schlüssel, der in die Tage hineinpasst, und man hat sich an diesen Schlüssel gewöhnt." (Herta Müller: Lebensangst und Worthunger)

ahora-giocanda hat gesagt…

Am besten steht dem Schreiber, wenn er authentisch bleibt.

Liebe Grüße
Barbara

herbst.zeitlosen hat gesagt…

@ahora: ja - nur mag ich das Wort authentisch nicht mehr. Es ist mir zu "abgenudelt" und missbraucht. Aber - ja ... trotzdem kann man sich ab und zu ein paar Fragen stellen. Auch ganz anderen, als ich sie gestellt habe. Ganz neuen Fragen, unverbrauchten!
Liebe Grüße

schreibtalk hat gesagt…

Viele Fragen, liebe Monika, wichtige Fragen, die mich auch oft umtreiben. Niemals aber das "Warum".
Weil es halt so ist.

Liebe Grüße
ELsa

veredit hat gesagt…

gefällt mir sehr deine innensicht, -frage... nachfragen, reinhorchen, neusortieren habe ich stets für immens wichtig gehalten. denke jedoch, dass auch ein warum gefragt werden darf, auch das ist wichtig, besonders es sich zu trauen zu fragen - noch wichtiger die eine klare antwort darauf.

ich freue mich sehr über deinen anstoß

ein besonders schönes herbstwochenende für dich mit lieben grüßen

isabella

herbst.zeitlosen hat gesagt…

ich danke euch allen. und mein warum, das geht mit Herta Müller s. o.
liebe grüße