Das Herz

Sie schmeckt Rost in der Kehle. Ihr Herz fühlt sich verbraucht an, schwarze Schlieren ziehen sich über die Oberfläche. Sie sieht sie ganz genau, diese dunklen Schlieren, die die Oberfläche aufrauen, wie kleine Gräben, wie ausgetrocknete Flussbette, die es zu überqueren gilt, wenn man ans andere Ufer will. Das andere Ufer glänzt feucht, rotsandig. Es ist steil. Sie weiß nicht, wie sie es erklimmen kann. Springend vielleicht, wie die Gnus in Afrika, wenn sie in großen Herden durchs Land ziehen auf ihrer Wanderung und dabei Flussläufe queren. Aber, sie ist nicht Teil einer Herde, sondern allein.

Herzsprung. Das fällt ihr ein. Sie weiß nicht, was es bedeutet. Ob es überhaupt etwas bedeutet, dieses Wort, das ihr da einfach so einfällt. Herzklamm fällt ihr ein. Auch das ohne eigentliche Bedeutung und trotzdem schwer wiegend. Sie denkt um die beiden Wörter herum, hört dabei die Küchenuhr die Zeit verticken. Die tickt gleichmäßig wie ein gut funktionierendes Herz. Kein Rasen, kein Stocken, kein Beschleunigen. Immer derselbe regelmäßige Puls, der die Zeit in kleinen Einheiten misst, sich wie ein grob gewebter Teppich unters Bewusstsein legt. Ohne das Ticken der Uhr verginge die Zeit unmerklich. Sie wäre ein Fluss, dessen  kaum hörbares Murmeln das Bewusstsein nicht erreichte.

Sie greift sich links in die Brusthöhle und nimmt das Herz heraus. Legt es auf den flachen Handteller. Es ist schwerer als sie dachte. Es pulsiert, zuckt, dehnt sich aus, zieht sich wieder zusammen. Ein lebender Muskel, überzogen von schwarzen Schlieren. Vorsichtig fährt sie mit dem Zeigefinger der Rechten über die Oberfläche, fühlt das Glatte, Feuchte, tastet das Raue, Trockene. Streichelt es kurz. Legt dann das Herz wieder zurück an seinen Platz. Fühlt es in der Brust pochen, regelmäßig, wie die Küchenuhr. Horcht noch eine Weile in sich hinein und lässt es schließlich sein. Sie weiß, es schlägt und wird so bald nicht aufhören zu schlagen.

Kommentare:

Jo P.E. hat gesagt…

Geliebtes Herz schlag noch lange, Schlieren können überwunden werden, denk an das rotsandige Ufer, du mußt kein Gun, kein Herdentier sein, es gelingt dir auch alleine!

Anonym hat gesagt…

Eigentlich gefällt mir der Text nicht.
Vor allem der letzte Abschnitt ist mir zu blutig.
Trotzdem habe ich den Text immer wieder gelesen,
aus purer Neugier, was da für ein Mensch dahintersteckt ...

Aber in einem bin ich mir sicher:
Du bist eine Frau, die auch alles alleine schafft.

Herzlich
Jorge D.R.

herbst.zeitlosen hat gesagt…

danke für diese optimistische Einschätzung, Jörg