Erna - Alle Jahre wieder: 2011, die Erste

Zeichnung: Jeannette Frei
Erna ist ein verqueres altes Ding. Immer dann, wenn es bei anderen so richtig gemütlich wird und sie das Singen anfangen, trippelt Erna auf meinen Blog. Letztes Jahr an Weihnachten musste ich sie - wohl oder übel - auftreten lassen. Ich hatte gehofft, dass sie dieses Jahr einen anderen Blogger beehren würde. Aber nein! Sie trippelt schon wieder vor meiner Tür.
 
„Morjn, Erna!“ 
 

Weihnachten. Schon wieder ist ein Jahr vorbei gehuscht. Nur ein Mauseschwänzchen hat man gesehen, bevor das Jahr hurtig unter der Kommode verschwand.  Ernas Zeit vergeht schneller als die Zeit der anderen. Oder langsamer. Jedenfalls nie in dem Tempo, in dem Zeit vergehen sollte: schön gemächlich, so dass man noch mitkommt und nicht ständig aus der Puste gerät, aber nicht so langsam, dass man denkt alles stünde still.

Heute ist die Zeit wieder ein Schnellkochtopf, es zischt und brodelt, Erna kippt schier aus den Pantinen, so schnell kocht die Zeit. Sie muss noch einkaufen, bevor die Geschäfte schließen. Schnell, schnell. Sie weiß nicht, was. Aber das ist egal. Sie braucht was zum Beißen über die vielen Feiertage. Und was besonderes muss es sein. Man muss doch schließlich schmecken, dass Weihnachten ist. Von Butterbrot kann man schließlich noch den Rest des Jahrs leben.

Erna kippt aus den Pantinen, wurstelt sich hinein in die Stiefel. Schnaufend bückt sie sich bis die Fingerspitzen gerade so den Reißverschluss erreichen und zieht und zerrt. Das klemmt wieder, das Mistding. Dann hat sie das Ding in der Hand, das Ding, diesen Wurmfortsatz, mit dem man den Reißverschluss hochzieht. Sie weiß nicht, wie das Ding heißt. Der Reißverschluss ist zu, aber sie wird ihn nie wieder aufkriegen, denn das Ding ist ab. Sie schleudert das Ding verärgert in die Ecke. Mistding!

Sie greift den Geldbeutel. Das Kleingeld klimpert fröhlich, die Scheine rascheln vorfreudig. Sie grabscht sich die alte Plastiktüte, öffnet die Wohnungstür und zieht sie hinter sich zu. Wumm! Die ist zu. Wo ist der Schlüssel? Sie gräbt mit der knotigen Hand in der rechten Schürzentasche, sie schaufelt so dies und das ans Tageslicht: ein Schnupftuch, kariert, noch von ihrem Vater, eine verbogene Büroklammer, einen zerknitterten Einkaufszettel, ein abgegriffenes Tütchen Zucker. Aber keinen Schlüssel. War doch klar! Der ist drin geblieben, da, wo er hingehört, am Schlüsselbrett. Man muss ihn ja schließlich wieder finden. Da hängt er gut! Ja – und der Mantel hängt auch gut an der Garderobe im Flur.

Erna lässt sich ächzend auf der obersten Treppenstufe nieder. Kann nicht lange dauern, dann wird der Allerwerteste kalt und sie muss wieder aufstehen. Aber bis dahin …  Pause. Sie findet ein altes Bonbon in der linken Schürzentasche, dröselt mühsam das Papier auf  und stopft den Kleb in den Mund. Es klappert gegen die morschen Restzähne.

Während sie noch so sitzt kommt die Junge von nebenan mit tausend brandneuen Einkaufstüten die Treppe hochgeraschelt. Erna wischt verstohlen mit dem Pulloverärmel einen Tropfen von der Nase.

Die Junge guckt komisch, drückt sich grüßend vorbei und hinterlässt eine Duftwolke vom Feinsten. Es ist wie ein Giftgasangriff, nur dass Erna keine Schutzmaske parat hat. Sie zieht geräuschvoll die Nase hoch. Nur nichts verkommen lassen. Das Parfüm benebelt ihr Hirn und umwölkt ihre Denke. Sie ergibt sich wohlig dem Duft und träumt von Jugend und Verliebtheit. Sie schmeckt den süßen Lippenstift, hat die alten Schlager im Ohr, die Füße zucken ein bisschen im Takt und die Fingerspitzen zappeln, so, als ob sie gleich lostanzen wollten über die  Tasten des alten verstimmten Klaviers. Puppchen, du bist mein Augenstern …

Manchmal ist das Leben schön. Erna hat sofort einen ganzen Chor im Kopf, der die Schönheit des Lebens herbeiruft.

Vom Himmel hoch!, jauchzt eine Stimme los. Da komm ich her, summt Erna. Und bring euch gute, neue Mär, brummt ein Bariton von ganz tief unten.

Und Erna greift, wie von guten Mächten gelenkt, in die linke Schürzentasche. Da ist der Schlüssel. Geht doch!, nölt er. Geht doch! Und er lächelt Erna  silbern blinkend an, wie ein polierter Stern.

Du  mein schöner, glänzender Schatz, flüstert Erna und lächelt versonnen zurück. Sie streichelt  liebevoll über den kahlen Kopf des Schlüssels und erhebt sich ächzend.

Auf, auf in den Kampf, Torero!, schmettert es,  und Erna macht sich endlich auf den Weg zum Kaufladen.

Jeden Tag muss sie wie verrückt aufpassen, dass sie nicht durch die ganze Welt fällt, hinein ins Leere.

Für heute scheint die Gefahr gebannt. Sie fühlt Ernaglück im Bauch.


Morgen sehen wir dann weiter!

Kommentare:

Herr Oter hat gesagt…

Das gefällt mir!

Leider kannte ich Erna bisher noch nicht, aber es ist mir eine grosse Ehre, die gute Erna kennenzulernen. Sie ist mir auf Anhieb sympathisch. Schnell werde ich das bisher Verpasste nachlesen.
Bin auch gespannt auf die Fortsetzung.

herbst.zeitlosen hat gesagt…

das ist schön, dass Erna Ihnen gefällt, Reto.
Sie ist mein Ausgleich zum (vor)weihnachtlichen "Rührstück".

Poetikon hat gesagt…

Auch mir ist Erna sehr sympathisch!
Sie bringt das unnachahmliche Etwas in das zeitlose Durcheinander unseres kleinen Weltkreises, ohne irgendjemand auf die Füße zu treten.
Gutes Neues Jahr, Erna....
Liebe Grüße, Horst

herbst.zeitlosen hat gesagt…

dankeschön für den Kommentar, Horst - und willkommen auf meinem Blog.